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Ansicht des Gebäudes
Rheinsburgstr. 56
Was lange währt, wird endlich gut: Voraussichtlich im April dieses Jahres kann der Umzug des ABS-ZsL in die neuen Vereinsräume beginnen. Die rund 217 m2 großen Räume sind mit einer Küche, zwei barrierefreien WCs, einem Ruheraum, drei Büroräumen und einem unterteilbaren Tagungsraum ausgestattet. Am Eingang wird neben einer Rampe auch ein Aufzug neu angebaut. Natürlich sind Parkplätze im Innenhof vorhanden. Der Verein wird sich um weitere Rollstuhlparkplätze im Bereich des Anwesens kümmern.
Wer glaubt, dem Verein mit Möbeln oder sonstigen Gerätschaften helfen zu können, wendet sich bitte an den Vorstand.
Liebe Mitglieder und Freunde des ABS,
das alte Jahr liegt bereits einige Tage hinter uns, aber es hat doch einige Akzente für das neue gesetzt. Ich denke da an die hervorragende Zusammenarbeit des Vorstandes und die Unterstützung durch unsere Praktikantin Andrea und natürlich auch die selbstlose Hilfe einiger Mitglieder.
Erst mal sollte gesagt werden, das wir unser Ziel, neue Vereinsräume zu bekommen, konsequent verfolgt haben und mit der Unterstützung der Mitarbeiter des Gesundheitsamtes und der Bürgermeisterin Frau Gabriele Müller-Trimbusch zum Jahresende erfuhren, dass wir im neuen Jahr endlich neue Clubräume beziehen werden. Dies verlangt natürlich in Zukunft eine geschlossene Zusammenarbeit von allen. Damit wurde bereits zum Ende des letzten Jahres, bei einer Arbeitstagung in Elzach, begonnen. Der gesamte Vorstand und einige Mitglieder haben ein Arbeitspapier für 2004 erstellt. Jedes Mitglied ist dazu eingeladen, da mit zu machen!
Dank unseres hervorragenden Kassierers ist es uns gelungen, einen guten finanziellen Jahresabschluss zu machen, was eine gute Grundlage für das neue Zentrum ist.
Der Vorstand wird in Zusammenarbeit mit Karola Rebmann die neuen Räume einrichten. Selbstverständlich werden auch alle anderen Mitglieder Hand anlegen können.
Weniger erfreulich wirkt sich die Reformpolitik der Bundesregierung auf uns aus. Es ist anzunehmen, dass dies nur die Spitze des Eisbergs ist. Wieder einmal wurde deutlich gemacht, dass der kleine Mann/Frau die Rechnung zahlt. Deshalb sollten wir uns ernsthaft Gedanken machen, ob wir nicht in Zukunft das Wort Solidarität in unseren Sprachschatz und in unser Handeln aufnehmen sollten.
Es würde uns alle gut tun, in Zukunft die Interessen des Clubs stärker nach außen zu vertreten, damit das Vertrauen, das die Stadt Stuttgart in uns setzt, nicht enttäuscht wird.
Ich wünsche allen im Neuen Jahr Gesundheit, Glück und Kraft.
Johann Kreiter
Auszug aus der Stgt.Ztg. vom 29.12.03
Von Johann Kreiter
In einem Zeitungsartikel der Stuttgarter Zeitung ziehen Sozialexperten zum Europäischen Jahr der Menschen mit Behinderung (EJMB) eine magere Bilanz. Auch der ABS-ZsL sieht dieses Jahr überregional eher kritisch (siehe Artikel "Landesbehindertenbeauftragter"). Manche Experten sehen sogar einen Rückschritt.
Eine positive Bilanz konnte der ABS-ZsL allerdings regional verzeichnen. Neue Vereinsräume werden von der Stadt Stuttgart für den ABS-ZsL bezuschusst.
Die Kritik zum EJMB an der Stadt weist Frau Bürgermeisterin Gabriele Müller Trimbusch von sich. Sie weist darauf hin, dass trotz schwieriger finanzieller Zeiten nach den jüngsten Etatberatungen des Gemeinderats für 2004/05 die Familienentlastenden Dienste und das Zentrum für selbstbestimmtes Leben einen Zuschuss erhalten.
Frau Müller Trimbusch sieht dort soviel Kompetenz wachsen, dass sie dem Zentrum auch die Funktion eines Behindertenbeauftragten zutraut: "Die Arbeit muss von Betroffenen ausgehen". Für falsch hält sie es, dafür eine interne Stelle zu schaffen.
Grundsätzlich wird künftig bei allen Leistungen eine Zuzahlung von zehn Prozent der Kosten erhoben. Höchstens allerdings zehn Euro, mindestens fünf Euro. Wenn die Kosten unter fünf Euro liegen, wird der tatsächliche Preis gezahlt.
Alle Zuzahlungen werden künftig für das Erreichen der Belastungsgrenze berücksichtigt. Die jährliche Eigenbeteiligung der Versicherten darf zwei Prozent der Bruttoeinnahmen nicht überschreiten. Für chronisch Kranke gilt eine Grenze von einem Prozent der Bruttoeinnahmen. Für Familien verringert sich die Belastungsgrenze durch die Kinderfreibeträge (pro Kind 3.648 Euro) und gegebenenfalls den Freibetrag für den Ehepartner (4.347 Euro). Bei Beziehern von Sozialhilfe gilt der Regelsatz des Haushaltsvorstands als Berechnungsgrundlage für die Belastungsgrenze. Das heißt, ein chronisch kranker Sozialhilfeempfänger zahlt im Jahr rund 36 Euro, ansonsten 72 Euro.
Kinder und Jugendliche bis zum vollendeten 18. Lebensjahr sind generell von Zuzahlungen befreit.
Wer aktiv Vorsorge betreibt und an Präventionsmaßnahmen teilnimmt, kann von seiner Krankenkasse einen finanziellen Bonus bekommen. Das kann beispielsweise eine teilweise Befreiung von den Zuzahlungen oder auch eine Ermäßigung des Beitrags sein. Das gilt auch für Versicherte, die an einem Hausarztsystem, an einem Chronikerprogramm oder an einer integrierten Versorgung teilnehmen.
Ab dem 1. Januar 2004 gelten die alten Befreiungen nicht mehr. Wenn man seine Belastungsgrenze erreicht hat, stellt die jeweilige Kasse für den Rest des Kalenderjahres eine Befreiung aus.
In fröhlicher Runde wurde so manche
Flasche geleert. V.l.n.r.: Andrea Petersen, Johann Kreiter, Tilmann Kleinau,
Peter Epp.
Warten aufs Essen
Karola Rebmann und Gudrun Hettich
Friedrich Müller,
Andrea Petersen, Peter Epp
Tilmann Kleinau liest aus seinem Buch
Etwa 80 Frauen und einige interessierte
Männer trafen sich am 25. Oktober 2003 in Tübingen, um das im Juli 2003
in Zusammenarbeit der Evangelischen Akademie Bad Boll, der LAGH
Baden-Württemberg und den Frauen des BiBeZ Heidelberg gestartete Vorhaben
umzusetzen. Die Frauen legten den Grunleftein für ihr Netzwerk mit dem Ziel,
noch im Jahr 2003, dem Europäischen Jahr der Menschen mit Behinderung, die
Verabschiedung des Landesgleichstellungsgesetzes in Baden-Württemberg
einzufordern und die Umsetzung des Sozialgesetzbuchs IX, insbesondere dessen
frauenspezifischer Belange, voranzutreiben. Das Netzwerk will zunächst als
Arbeitskreis aktiv werden. Unsere Beraterin Andrea Petersen (2. vorn links) war
für den ABS mit dabei.
Von Andrea Petersen
Im vergangenen Jahr hat der ABS-ZsL in Kooperation mit der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart und dem Frauenkulturzentrum Sarah zwei Veranstaltungen durchgeführt. Der Abend "Zur Situation behinderter Frauen in Stuttgart" und die "Vernissage der besonderen Art" waren Erfolge, die mich bestärkt haben, das Frauenprojekt Lilith weiter auszubauen.
Ab Januar 2004 planen wir in Zusammenarbeit mit Sarah und der Stabstelle für Gleichstellung der Stadt Stuttgart ein Projekt, um behinderter Frauen und Mädchen in Stuttgart und Umgebung in allen Lebensbereichen zu stärken und zu fördern. Dazu findet zurzeit eine Analyse der Situation und der Bedürfnisse behinderter Frauen und Mädchen in Stuttgart statt.
Jede Frau, die Anregungen zu dieser Analyse hat, kann sich bei mir melden und sich einbringen, was mir sehr wichtig wäre. Seit Juli ist das Frauenprojekt Lilith auch Gründungsmitglied des Netzwerkes für Frauen und Mädchen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen in Baden-Württemberg, dessen Sitz voraussichtlich in Tübingen sein wird (s.o.).
Hier noch mal die Aufforderung an Euch: Jede, die Lust hat im Projekt mitzuarbeiten, kann sich jederzeit bei mir melden.
In den neuen Räumen werde ich dann regelmäßig eine Sprechstunde nur für Frauen einrichten, die Ihr dann ohne Anmeldung nutzen könnt.
Ab Januar findet in regelmäßigen Abständen ein Frauencafé im Verein statt. Das erste Treffen wird am 13.1. um 17 Uhr sein.
Ein Kommentar von Johann Kreiter
... in Baden-Württemberg offensichtlich schon. Vor allem er ist unantastbar, unerreichbar und publikumsscheu. Was er nicht ist, ist regierungsunabhängig, neutral und überparteilich. Baden Württemberg ist nicht das einzige Bundesland, in dem ein Minister der Behindertenbeauftragte ist. In fünf anderen Bundesländern ist dies ebenfalls so. Ein Zustand, der so nicht sein kann.
Sehr deutlich wurde dies am "Tag der Behinderten im Landtag" am 16.10.03: Keine Ansprache an die, die er vertreten soll, keine Diskussion mit den Behindertenverbänden und, was am allerschlimmsten wiegt, keine Aussage zum Landesgleichstellungsgesetz. Hier klingt der Slogan zum Europäischen Jahr: "Mittendrin statt außen vor" wie Hohn. Besser wäre es mit "Außen vor statt mitten drin".
Dass er einmal nicht dabei sein konnte, ist noch diskutabel. Aber schon bei der zweiten Veranstaltung, der Tagung des baden-württembergischen Sozialministeriums im Haus der Wirtschaft unter dem Motto, "Auf dem Weg zur Selbstbestimmung und Teilhabe" am 20./21. November, wurde der Frontmann für die Belange der Menschen mit Behinderung in unserem Ländle erneut vermisst. Es klingt fast zynisch, wenn hier von "Teilhabe" und "Selbstbestimmung" gesprochen wurde.
Die Krönung ist, dass Herr Repnik, darauf angesprochen, sagt, als Regierungsmitglied habe er "die notwendige Kompetenz, die Anliegen der Behinderten politisch voranzutreiben" (SZ vom 17.10.03). Dies lässt sich daran erkennen, wie unermüdlich er sich für das Landesgleichstellungsgesetz stark macht. Noch deutlicher wird es, wenn man seine Aussage, darauf angesprochen, warum er nicht teilnahm an der Veranstaltung im Landtag, hört: "Ich kann doch hier nicht bleiben, weil ich hier ja zwischen zwei Stühlen sitze." Der einzige Stuhl, auf dem er wirklich fest sitzt, ist der Ministerstuhl, auf dem anderen Stuhl steht nur "besetzt".
Seine Aufgabe als Landesbehindertenbeauftragter ist es, klar die Positionen der Menschen mit Behinderung zu vertreten. Wenn er das als Minister vor dem Landtag nicht tun kann, dann muss er diesen Platz räumen für jemanden, der dies autonom tun kann.
Die Aktiven Behinderten, die darum kämpfen mussten, an dieser Veranstaltung teilnehmen zu können, fordern, dass endlich eine Person mit Behinderung und Kompetenz diese Stelle einnimmt, die dann überparteilich, unabhängig und neutral die Interessen der Menschen mit Behinderung vertreten kann. Herr Repnik muss deswegen nicht befürchten, weniger arbeiten zu müssen oder gar die Anliegen der Behinderten nicht mehr vertreten zu dürfen, nein, er darf dies weiterhin tun, natürlich in unserem Sinne, aber auf der anderen Seite.
Wie gut dies gelingen kann, sieht man im Bundesland Bayern, wo Ina Stein eine neutrale Vertreterin mit eigener Behinderung ist, die von beiden Seiten akzeptiert und respektiert wird.
Deshalb unsere Forderung an die Landesregierung: Bitte besetzen Sie die Stelle des Behindertenbeauftragten mit einer Person, die von den Behindertenverbänden vorgeschlagen wird und von diesen auch akzeptiert werden kann.
Der Verein bietet seit einigen Monaten Beratung an. Jeder hat die Möglichkeit einen Gesprächstermin telefonisch oder per Internet zu vereinbaren. Dieses Angebot gilt auch für alle Nichtmitglieder! Also gebt es bitte weiter!
als Kassier unseres Vereins habe ich an Euch alle eine große Bitte: Es wäre nett von Euch, wenn Ihr zu Erleichterung der Vereinsbuchhaltung den beiliegenden Überweisungsträger ausfüllen und die noch ausstehenden Beiträge der Jahre 2001 bis 2003 bezahlen würdet, damit ich alles so schnell wie möglich auf den aktuellen Stand bringen kann. Rückfragen an mich, Peter Epp, Tel. 0711/889 51 37.
Im Voraus herzlichen Dank, Euer Peter
Michael Fischer
Michael Fischer betreut unsere Internet-Seite http://aktive-behinderte.de. Er ist ein stiller, zurückhaltender Mensch. Mit welcher Energie er sein Leben gestaltet, wird erst bei näherem Hinsehen deutlich. Aber der Reihe nach: Michael kam am 20. September 1959 in Stuttgart-Degerloch als Hausgeburt zur Welt - ein Sonntagskind, wie er mit feinem Lächeln sagt. 1978 machte der kerngesunde, nichtbehinderte Michael mit nur 18 Jahren sein Abitur und studierte anschließend in Stuttgart Maschinenbau. Seine Diplom-Arbeit schrieb er im Fach Regelungstechnik. Er heiratete im gleichen Jahr. Dank hervorragender Noten bekam er ein Stipendium vom British Council und konnte mit dem Geld ein Jahr lang in Manchester Regelungstechnik studieren. Gleich im Anschluss reiste er zwei Monate lang kreuz und quer durch Großbritannien. Zurück in Deutschland, bewarb er sich an mehreren Unis, entschied sich dann aber für eine Forschungstätigkeit an einem Institut der Deutschen Forschungsanstalt für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Oberpfaffenhofen bei München. Er befasste sich dort mit der Programmierung von Robotern.
Als er nach neun Monaten Forschungstätigkeit mit dem Wohnmobil und Freunden nach Griechenland in den Urlaub fahren wollte, passierte es: Ein Reisebus raste in Jugoslawien von hinten in das Wohnmobil der jungen Leute, das Wohnmobil überschlug sich und Michael wurde, da es hinten keine Gurte gab, so unsanft umhergeschleudert, dass er sich die Wirbelsäule brach und komplett querschnittgelähmt war. Das geschah im August 1985. Michael wurde in Jugoslawien erstversorgt und kam dann für ein Jahr zur Rehabilitation nach Markgröningen bei Ludwigsburg. Schnell war ihm klar, dass er den Rest seines Lebens im Rollstuhl verbringen musste. Im August 1986 entlassen, suchte er sich eine rollstuhlgerechte Mietwohnung in München-Germering. Er wollte ja sein Forschungsprojekt am Institut in Oberpfaffenhofen fortsetzen. Aber das war leider nicht möglich, denn er hatte durch die einjährige Zwangspause den Anschluss verloren und konnte nicht so einfach wieder einsteigen. Schweren Herzens gab er das spannende Projekt auf.
In seiner Germeringer Wohnung wurde Michael tagsüber von Zivildienstleistenden und nachts und an den Wochenenden von seiner Frau versorgt. Ende 1987 begann für ihn ein neuer Lebensabschnitt: Die Firma KODRA, die Michaels Eltern aufgebaut hatten und in der Reinigungs- und Desinfektionsapparate für Krankenhäuser und Pflegeheime hergestellt werden, zog nach Stuttgart-Degerloch um. Fischers ließen eine Hausmeisterwohnung im Dachgeschoss des neuen Firmengebäudes rollstuhlgerecht für Michael umbauen. Dort betreute ihn seine Ehefrau bis 1991, als sie sich trennten. So bekam er 1987 mit der eigenen Wohnung auch gleich den neuen, krisenfesten Arbeitsplatz im elterlichen Betrieb - und hat ihn bis heute. Er erstellt für KODRA die ganze betriebsinterne Software - von der Kundendatenverwaltung über die Artikelverwaltung bis hin zur gesamten Angebots- und Auftragsabwicklung. Bei so zahlreichen und vielfältigen Aufgaben kommt bei ihm bis heute keine Langeweile auf. Tagsüber, während der Arbeit, versorgt ihn seine Familie, abends und nachts und an den Wochenenden Zivildienstleistende und Helfer der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart. Da Michael verdient, muss er die Kosten seiner Assistenz zum großen Teil selbst tragen.
In seiner Freizeit ist Michael, wie er sagt, viel unterwegs. Was er gerne macht?
Freunde treffen und mit ihnen essen und Wein trinken, ins Kino oder in Konzerte gehen. Und sooft es geht mit seinem Wohnmobil in den Urlaub fahren. Ob Frankreich, Norwegen, Großbritannien, Belgien, Spanien, Italien, Österreich, Tschechien, Slowenien, Holland oder Griechenland - es gibt kaum ein europäisches Land, das er noch nicht bereist hat, und wenn doch, dann wird er´s wohl noch tun. Im letzten Sommer war er in den USA; seinen Reisebericht könnt Ihr hier lesen. Ob es um Wein geht, ums Essen, um die Arbeit oder ums Reisen: Michael ist ein stiller Genießer, und was er macht, macht er richtig. So wie unsere Homepage. Vielen Dank, Michael!
Unser Mitglied
Friedrich Zirm hat im Dezember den Preis für Künstler mit Behinderungen
des Landes Baden-Württemberg von Sozialminister Dr. Friedhelm Repnik,
gleichzeitig Behindertenbeauftragter des Landes, verliehen bekommen. Friedrich
Zirm, geboren am 05.10.1963 in Heidenheim, arbeitet in Stuttgart als freier
Künstler. Er ist seit Geburt Spastiker und malt mit dem Mund. Wir haben
Friedrich Zirm in der letzten "ABS News" bereits ausführlich vorgestellt.
Der Preis ist mit 1000 Euro dotiert.
Frieder - wir gratulieren Dir alle herzlich!!!
Wenn wir uns einmal die Mühe machen, unseren Blick über die Weihnachtsgans hinweg hinter die Mauern der in Deutschland immer noch massenhaft vorhandenen Anstalten der so genannten Behindertenhilfe auf die reale Situation der dort lebenden behinderten Menschen schweifen zu lassen, entlarvt sich die zur Schau gestellte Wohltätigkeit der Kirchen und unserer Gesellschaft oft sehr schnell von selbst.
Die Tatsache, dass sich in solchen Einrichtungen zum Glück auch viele Menschen engagieren, denen es wirklich um die behinderten Menschen und deren Zukunft geht, kann nicht verdecken, dass das System der Behinderteneinrichtungen in seinem Kern beschämend und für unsere gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und Möglichkeiten entwürdigend ist. Ein hoher Prozentsatz der Anstaltsbewohner muss immer noch in Doppel- oder sogar Mehrbettzimmern leben, allgemein übliche Freiheitsrechte werden nicht zuletzt aufgrund von mangelhafter Unterstützungsmöglichkeiten und Willkür massiv eingeschränkt, und Verbesserungen für die Betroffenen werden zum Teil gezielt aus Angst vor Veränderungen und Machtverlust verhindert.
Die Tatsache, dass es in Schweden hauptsächlich die EinrichtungsmitarbeiterInnen waren, die gegen die Auflösung von Anstalten protestierten, während sich die behinderten Menschen darüber freuten, spricht Bände. Hinter einem wohligen Mantel der Wohltätigkeit wird hierzulande immer noch geschickt verborgen, dass in der Regel die Interessen der Beschäftigten und Wohlfahrtsorganisationen weit mehr im Mittelpunkt stehen und das Geschick bestimmen als das Bestreben für mehr Selbstbestimmung der behinderten Menschen. Auch wenn damit das Problem noch lange nicht gelöst wäre, würde mehr Ehrlichkeit in diesem Bereich gut tun. Denn die wohl größte Diskriminierung, die behinderte Menschen erleben, ist die «fürsorgliche Belagerung», von der sie förmlich erdrückt, entmutigt und ihrer Chancen und Zukunft beraubt werden.
Ein Reisebericht von Michael Fischer
Am Dienstag, den 8. Juli 2003 ist es endlich so weit: Angelika, Gerhard, Anke, Alex und ich begeben uns auf die große Reise nach Nordamerika.
Wieder zeigt sich, dass es manchmal Vorteile hat, im Rollstuhl zu sitzen. In London angekommen, werden wir direkt von einem Helfer der British Airways empfangen, durch alle Kontrollen an den Schlangen vorbeigeschleust und zum Zubringerbus gebracht, der uns zum internationalen Terminal fährt. Wiederum holt uns dort ein Helfer ab und begleitet uns zu einem extra Warteraum für Behinderte. Alles ist bestens durchorganisiert.
Nach weiteren neun Flugstunden erreichen wir das Nachbarland der unbegrenzten Möglichkeiten und landen in Vancouver. Am Taxistand bestelle ich ein rollstuhlgerechtes Taxi. Fünf Minuten später fährt es bereits vor. Über eine Laderampe gelange ich in das Innere. Dort wird mein Rollstuhl mit Gurten fixiert. Von der langen Reise ermüdet schlafen wir in unserem fast zentral gelegenen Motel dem nächsten Tag entgegen.
1885 zählte Vancouver 300 Seelen. 1886
erhielt es die Stadtrechte, 1887 hatte es bereits 5000 Einwohner. Dank der
herrlichen Lage am Meer umgeben von Bergen und vorgelagerten Inseln ist die Stadt
mittlerweile auf nahezu 500.000 Einwohner (Großraum: 1,8 Millionen
Einwohner) aus der ganzen Welt gewachsen. Im Telefonbuch findet man z. B. 550
"Kim" und 57 Seiten mit "Mc"-Eintragungen! Asiaten besitzen mittlerweile
über 20 % der Innenstadt. Die Chinatown ist die drittgrößte auf
dem nordamerikanischen Kontinent.
Durch diese gehen wir an unserem ersten Urlaubstag ins Zentrum. In einem gläsernen Aufzug fahren wir bei atemberaubender Aussicht in schwindelerregender Geschwindigkeit hinauf auf das Harbour Centre: von einer 167 m hohen Aussichtsplattform (the Lookout) des modernen Hochhauses hat man eine wundervolle Aussicht auf die Stadt. Insbesondere der Hafen, in dem neben den zahlreichen Schiffen auch die Wasserflugzeuge auf- und niedergehen, kann gut beobachtet werden. Unweit der Küste entdecken wir die Flugzeug-Tankstellen mitten im Wasser. Tatsächlich weist Vancouvers Hafen den höchsten Umschlag an der nordamerikanischen Westküste auf.
Im öffentlichen Verkehrsnetz der Stadt sind bereits ca. 70 % aller Busse mit Hebebühne ausgestattet. In den Fahrzeugen sind am Rollstuhlstellplatz eine Kopfstütze sowie extra Gurte montiert, damit man während der Fahrt sicher steht. Wir nutzen einen dieser Busse, um auf die Halbinsel Stanley Park zu gelangen. Der 400 ha große Stadtpark bewahrt den letzten Überrest eines Regenwaldes mit gewaltigen Baumriesen, so wie er noch vor 150 Jahren nahezu überall in der Region zu finden war. Ein kostenloser Bus umfährt den Park auf der 10 km langen Straße und bietet die Möglichkeit, an herrlichen Sanleftränden, blühenden Parklandschaften oder aber dem Aquarium auszusteigen. Eine Attraktion dieses Aquariums sind die beiden Belugawale, die synchron während der Vorführungen den Kopf, die Schwanzflosse, Rücken oder Bauch aus dem Wasser strecken, gleichzeitig mit dem Kopf wackeln und auch singen!
Das öffentliche Verkehrssystem begeistert uns so, dass wir uns am nächsten Morgen Tagesnetzkarten zulegen. Für 8 kanadische Dollar - dies entspricht etwa 5,50 € - dürfen wir bis Mitternacht das gesamte Netz, bestehend aus Bussen, S-Bahn und Fährverbindungen, mit einem Durchmesser von über 30 km benutzen!
Nach drei Nächten in Vancouver wird uns morgens das Mietfahrzeug gebracht. Über Knopfdruck öffnet sich die rechte Schiebetüre und eine Rampe klappt heraus. Im Innenraum wird mein Rollstuhl auf der Beifahrerseite mit Gurten fixiert. Dann kommt der spannende Augenblick: passen unsere fünf Koffer sowie drei Reisetaschen in das Fahrzeug? Tatsächlich findet Gerhard in Kürze die optimale Anordnung aller Gepäckstücke, sodass vor der hinteren Sitzbank nur das Ersatzrad, ein Koffer sowie der Reiseproviant untergebracht werden müssen. Erleichtert treten wir unsere große Rundreise an.
Nicht weit hinter Vancouver reisen wir problemlos in die USA ein. In Bellingham, der ersten größeren Stadt hinter der Grenze, suchen wir den amerikanischen Automobilklub AAA auf, um Kartenmaterial und Tourbücher zu besorgen. Gerhard sucht für die Ladegeräte seines Handys und seiner Filmkamera einen Adapter vom europäischen zum amerikanischen System. Die Mitarbeiterin vom AAA ruft kurzerhand in einem Elektrofachgeschäft an und erkundigt sich für uns, ob solch ein Adapter vorhanden ist. Anschließend erklärt sie uns noch in aller Ruhe den Weg. Für die Karten, Bücher, Hilfe und Telefonieren müssen wir nichts bezahlen, nicht einmal ein Trinkgeld dürfen wir geben. Da zeigt es sich wieder, dass die amerikanische Gesellschaft eine reine Dienstleistungsgesellschaft ist.
Am Abend erreichen wir Rockport. In einem urigen Steakhaus, direkt am Wald gelegen, genießen wir gegrilltes Fleisch und Fisch, bevor wir uns von anscheinend unersättlichen Mücken aussaugen lassen.
Am nächsten Morgen verlassen wir bei strahlendem Sonnenschein unser Motel und durchfahren den North Cascade National Park. Beeindruckend ist die Bergwelt, geformt und abgeschliffen von Gletschern, deren höchste Gipfel (etwa 2700 m) auf Grund der geografischen Lage und des hohen Niederschlagsaufkommens an der Westküste selbst im Sommer schneebedeckt sind. Wegen ihrer Ähnlichkeit werden sie auch die amerikanischen Alpen des Nordens genannt.
Am Besucherzentrum erfahre ich, dass sich im Park ein angeblich rollstuhlgerechter Wanderweg befinden soll. Das müssen wir natürlich überprüfen! Tatsächlich finden wir einen asphaltierten Pfad, etwas breiter als ein Rollstuhl, mit Ausweichstellen und Bänken in regelmäßigen Abständen. Der Weg schlängelt sich in einem steilen Berghang quer durch einen Wald mit wenigen Steigungen und Gefällen über Bergbäche zu einem idyllisch gelegenen See. Dort angekommen, genießen wir auf einer großen Plattform den herrlichen Panoramablick in die schneebedeckte steile Berglandschaft. Der See heißt Rainy Lake und macht seinem Namen zu unserem Glück nicht alle Ehre. Bei herrlichem Sonnenschein entscheidet sich Gerhard in dem von einer Schneezunge gespeisten See sich abzukühlen. Amerikanische Touristen, die gerade zu seinem Bad eintreffen, zücken sofort ihre Fotoapparate. Es scheint für sie mindestens so interessant wie eine Walbeobachtungstour.
Auf der Weiterfahrt in das Hinterland von Washington wird die Landschaft immer trockener. Die küstennahen Berge lassen wenig Regen auf ihre östliche Seite. Die Temperaturen liegen 10 ° C höher als auf der Westseite. Ständig weht ein warmer, trockener Wind und bedeckt alles mit braunem Staub.
Am nächsten Mittag erreichen wir den Coulee Dam. 1933 begann man mit dem Bau der Staumauer. Es gab einige Rückschläge bei dem Projekt. Zum Beispiel drohte in einem Sommer ein kompletter Hang abzurutschen und das bereits erstellte Betonwerk zu zerstören. Kurzerhand wurden Hunderte von Röhren in den Hang getrieben und über einen riesigen Kühlschrank gekühlt. 9 Jahre dauerten die Arbeiten für den noch heute größten Staudamm der USA.
Die Staumauer ist 165 m hoch, am Sockel etwa 150 m breit, und sie misst an der Oberkante eine Länge von 1,57 km. Insgesamt wurde so viel Beton verwendet, dass man hiermit um die ganze Welt einen Weg von nahezu 2 m Breite bauen könnte. Der Columbia River wird auf eine Länge von 250 km aufgestaut. Der Stausee Lake Roosevelt sorgt für die Stromversorgung und die Bewässerung des Nordostens von Washington. Da der See tiefer als das Umland liegt, wird das Wasser mit sechs gewaltigen Pumpen durch Leitungen mit einem Durchmesser von 3,50 m in einen ca. 100 m höheren See gepumpt und von dort den Bewässerungssystemen zugeführt. Die Leistung einer Pumpe würde ausreichen, um die gesamte Bevölkerung Chicagos mit Trinkwasser zu versorgen!
Am Abend verlassen wir Washington und fahren in den pan handle Idahos (Pfannengriff, Idaho hat die Form einer Pfanne) und übernachten in Post Falls.
Nach einem halbtägigen Bummel in Schuhgeschäften, Kleiderläden, Rucksack- und Taschengeschäften und jeder Menge günstiger Einkäufe fahren wir weiter zum See Coeur D'Alene. In der warmen Nachmittagssonne erholen wir uns mehrere Stunden an einem schönen Strand. Am Abend erreichen wir nahezu die Grenze zu Montana und übernachten in Kellog.
Am nächsten Tag fahren wir zur National Bison Range. Diese wurde bereits um 1900 zum Schutz der Bisons gegründet. Früher lebten zwischen 30 und 70 Millionen Bisons in Nordamerika. Zum Ende des 19. Jahrhunderts gab es nur noch etwa 100 wild lebende Exemplare. Auf der Range laufen heutzutage mehr als 400 Bisons - auch Buffaloes genannt - auf 7500 Hektar frei herum. Im Besucherzentrum informieren wir uns über die einzigartigen Tiere. Sie leben normalerweise auf dem offenen Grasland. Ihr schweres, dichtes Fell schützt sie sowohl vor der Sommerhitze als auch vor den Winterwinden. Das
dicke Winterfell isoliert so gut, dass auf ihren Rücken der Schnee ohne zu schmelzen liegen bleibt. Um das dicke Fell im Frühjahr los zu werden, scheuern sie ihre Körper an Baumstämmen. Als die Siedler Holzmasten für Strom und Telefon errichteten, wurden diese immer wieder von Bisons, die ihr Winterfell abstreifen wollten, umgeworfen. Um die Tiere abzuschrecken, schlugen sie Nagelkränze in die Masten. Diese Vorrichtungen zum Kratzen fanden die Bisons wunderbar, und sie zerstörten mehr Masten als zuvor. Bisons reagieren unvorhersehbar und können sehr gefährlich sein. Sie erscheinen zwar langsam und zahm, sind jedoch sehr agil. Aus dem Stand heraus können sie auf 50 km/h beschleunigen. Bullen wiegen bis zur 1200 kg, Kühe etwa die Hälfte.
Entlang einer 30 km langen Schotterstraße fahren wir durch das Gelände. Leider sind die Bisons so weit entfernt, dass wir als Erinnerung wenigstens einen Bisonfladen fotografieren.
Unter strenger Aufsicht und Reglementierung dürfen Bisons im Alter von 18 bis 24 Monaten geschlachtet werden. Am Ausgang der Range probieren wir an einer Snackbude einen Buffalo Burger. Das Fleisch eines Bisons ist sehr schmackhaft, hat einen äußerst geringen Fettgehalt und sehr wenig Kalorien.
Nach diesem kulinarischen Highlight fahren wir weiter Richtung Süden bis nach Deer Lodge.
Das Montana Territorial Prison, das erste Territorial-Gefängnis im Westen der USA, wurde bereits im Jahre 1871 gegründet. Bis 1979 war es in Betrieb und kann heute besichtigt werden. Es ist erschreckend, unter welchen Bedingungen die Gefangenen gehalten wurden. Das Zellenhaus wurde bereits im Jahre 1912 gebaut. Dieses rote Backsteingebäude beinhaltet die eigentlichen Zellen, auf vier Galerien verteilt. Jede Galerie besteht aus 25 Zellen, insgesamt also 200 Stück. Wegen Überbesetzung waren manche Zellen teilweise doppelt belegt. In jeder Zelle befinden sich ein Bett (oder 2 Betten), eine Toilette, ein Waschbecken und ein Schrank. Die Klimatisierung des Gebäudes war so schlecht, dass die oberen Zellen extrem übererhitzt waren, während in den unteren Zellen Kälte herrschte. Häftlinge der oberen Galerien warfen oft Gegenstände in die Fenster, um diese zu zerbrechen, damit frische Luft in das Gebäude gelang. Den Häftlingen im Erdgeschoss war es erlaubt, Vorhänge vor die Gittertüren zu hängen, um sich vor dem kalten Luftzug zu schützen. Der Duschbereich bestand aus drei Duschen, zwischen der Außenwand des Zellenblocks und den Zellen, ohne Vorhänge, einzusehen von vielen Häftlingen. Zweimal pro Woche durften sich dort die bis zu 400 Häftlinge duschen. Sie mussten sich in einer Reihe aufstellen, ihre Körper einer nach dem anderen unter der ersten Dusche nass machen, unter der zweiten Dusche einseifen und schließlich unter der dritten abspülen.
Das sogenannte Loch war für schwierige Häftlinge reserviert, bei denen andere disziplinarische Maßnahmen nicht halfen: in der Zelle war kein Licht und kein Fenster, über eine kleine Öffnung in der Türe erhielt der Häftling zweimal täglich Brot und Wasser. Nach zehn Tagen in völliger Dunkelheit wurde der Häftling ärztlich untersucht. War er gesundheitlich noch soweit in Ordnung, konnte es sein, dass er weitere zehn Tage im Loch verbringen musste. Erst Ende der 60ger Jahre im vergangenen Jahrhundert wurde diese unmenschliche Behandlung verboten.
Im benachbarten Towe Ford Museum können wir über 100 verschiedene Ford Fahrzeuge von 1900 bis heute bewundern. Besonders beeindruckend finden wir die Cabriolets aus den 50er Jahren mit ihren verchromten Kühlergrillen, einzigartigen Kotflügelformen, verschiedenen Kühlerfiguren, an Schiffe erinnernden Formen und die Größen.
1863 entdeckte man in der Gegend von Virginia City Gold. Bis zur Erschöpfung der Vorkommen wurden an die 300 Millionen Dollar in Gold aus dem Flusslauf gewaschen. Virginia City ist auch heute noch bewohnt, und man hat den Charakter des kleinen Städtchens erhalten und die alten Geschäfte genauso ausstaffiert, wie sie einst ausgesehen haben. Bei einem kleinen Bummel durch die Cowboystadt bekommen wir einen Eindruck vom harten Leben vor 100 Jahren.
Kurz vor dem Yellowstone Park erreichen wir einen
ungewöhnlichen See: Am 17. August 1959 rief die gleichzeitige Verschiebung
zweier Erdfalten ein massives Erdbeben (Richterskala 7,5) hervor. Dieses
löste einen Erdrutsch aus, bei dem 80 Millionen Tonnen Geröll den
Abfluss des Madison River blockierten und diesen zum Earthquake Lake aufstauten.
Noch heute stehen in dem See geisterhaft die toten Baumstämme und
glänzen silbern in der untergehenden Abendsonne.
Der Yellowstone Nationalpark ist der bekannteste und mit über 4 Millionen Besuchern pro Jahr der am meisten frequentierte Park Amerikas. Er ist nicht nur der flächenmäßig größte, sondern der weltweit erste, denn er wurde bereits im Jahre 1872 gegründet. Dies ist insofern erstaunlich, als bis auf vereinzelte Trapper kaum jemals ein Weißer die einzigartige Landschaft des Parks gesehen hatte und außerdem das Gebiet nicht "indianerfrei", also für eventuelle Touristen gefährlich war. Yellowstone ist ein Märchenland von 250 aktiven Geysiren, heißen Quellen, zahlreichen Wasserfällen, schneebedeckten Bergen, Schlammvulkanen und mit einem unvergleichlichen Wildbestand (der größte in den USA). Hier zeigen die enormen Kräfte, die unter der Oberfläche unserer Erde herrschen, ihre unmittelbaren Auswirkungen. Unter diesem Gebiet befindet sich nämlich ein sogenannter "hot spot". Dies ist eine Stelle unter der Erdkruste, an der ein erhöhter Wärmefluss stattfindet. Über diese (unbewegliche) Stelle bewegen sich die Platten der Erdkruste fort, sodass im Laufe der Jahrmillionen Ketten von Vulkanen entstehen. Heute schiebt sich die nordamerikanische Platte mit einer Geschwindigkeit von etwa 2 cm pro Jahr über den hot spot. Die Lava, die dabei in den letzten Jahrmillionen im Yellowstone zu Tage trat, ist stark schwefelhaltig, was dem Gestein seine typische gelbliche Färbung und damit dem Gebiet seinen Namen gegeben hat.
Die interessantesten Naturphänomene, die direkt mit der labilen geologischen Struktur zusammenhängen, sind
In zwei Tagesetappen von jeweils etwa 200 km erforschen wir das Gelände. Auf der südlichen Rundfahrt besuchen wir den wohl bekanntesten Geysir Amerikas, Old Faithfull: alle 50 bis 80 Minuten spuckt der alte Zuverlässige etwa 2-5 Minuten lang. Bei jeder Eruption stößt er dabei 15.000 bis 30.000 Liter kochendes Wasser aus. Die Fontäne erreicht eine Höhe von 40 bis 55 m.
In der goldenen Abendsonne erleben wir einen grandiosen Blick in die tiefe Schlucht des Grand Canyon of Yellowstone. Über einen tosenden Wasserfall (Lower Falls) stürzen sich die Wassermassen des Yellowstone River 94 m in die Tiefe.
Die nördliche Rundfahrt führt uns zu den Mammoth Hot Springs: weiße Kalksinter-Terrassen, die wie eine riesige Gletscherlandschaft einen ganzen Hang bedecken, leuchten in grellem Weiß kontrastreich zu grünen Wäldern und blauem Himmel. Schade, dass es nicht wirklich Eis ist, man könnte sich bei den Temperaturen von über 30 ° C so herrlich daran kühlen...
Auf der Rückfahrt entdecken wir am Straßenrand Bisons, Rehe, Hirsche, Koyoten und sogar Weißkopfadler. Von der Schönheit und Vielfalt der Natur sind wir begeistert!
Da wir im Park keine Bären gesehen haben, entscheiden wir uns, am nächsten Tag in West Yellowstone das Grizzly Discovery Center zu besuchen. Dort können wir in einem riesigen Freilandgehege die Grizzlys - auch Braunbären genannt - beobachten. Ausgewachsene männliche Tiere wiegen bis zu 600 kg, während die weiblichen höchstens zwei Drittel so schwer sind. In freier Wildnis lebend werden sie bis zu 30 Jahre alt. Neben den Grizzlys informieren wir uns dort auch über die Wölfe, die in den 90er Jahren im Yellowstone Park wieder ausgewildert wurden.
Am nächsten Mittag erreichen wir bei großer Hitze das Craters of the Moon National Monument, ein Gebiet von über 200 Quadratkilometern verhärteter Lava, die in einem Zeitraum beginnend vor 20.000 Jahren bis vor 2000 Jahren ausgetreten ist. Wer einen einzigen, großen Vulkankegel sucht, wird dieses vergebens tun. Es war kein Ausbruch, sondern ein sich achtmal wiederholender, stetiger Ausfluss, der diese Landschaft in den 13.000 Jahren so gestaltet hat. Den Namen erhielt das Monument, weil die Oberfläche aus der Entfernung wie die des Mondes aussieht. Die Mondastronauten haben übrigens auf dem Gelände geübt. Auch hier gibt es eine Überraschung für Rollstuhlfahrer! Mitten in der Lavawüste finden wir einen betonierten Rundweg mit nur geringen Steigungen, der absolut barrierefrei ist. Am Behindertenparkplatz steht sogar extra ein Toilettenhäuschen für Rollstuhlfahrer! Schade, dass es dermaßen heiß ist, so können wir die Hinweistafeln auf dem Rundweg in der flimmernden Luft nur überfliegen.
Die Hitze treibt uns die nächsten beiden Tage
etwa 500 km gen Westen zum Mount Saint Helens National Volcanic Monument: Am
Morgen des 18. Mai 1980 löste ein Erdbeben am Mount Saint Helens den bisher
größten verzeichneten Erdrutsch der Geschichte aus. Die
Geröllmassen donnerten mit über 200 km/h gen Tal in den Spirit Lake und
verursachten dort eine Flutwelle, die am gegenüberliegenden Hang nahezu 300
m nach oben schwappte. Ein anderer Teil der Lawine schoss über 20 km ins Tal
und begrub dieses im Durchschnitt 45 m tief. An der tiefsten Stelle (etwa 220 m)
könnte sogar die Space Needle von Seattle begraben werden.
Innerhalb von Sekunden nach dem Erdrutsch an der Notflanke explodierte der Vulkan. Die enorme Hitze verflüssigte die Gletscher des Berges und löste dadurch riesige Schlammlawinen aus, die Geröllmassen und ausgerissene Bäume vor sich her trieben.
Nach wenigen Minuten erreichte die Aschesäule eine Höhe von 20 km. Der über 100 km/h starke Westwind trug die Asche gen Osten, mittags wurde es selbst 50 km östlich dunkel wie die Nacht. Würde man die Aschemenge komprimiert auf der Größe eines Fußballfeldes aufeinander stapeln, so wäre der Turm 250 km hoch. Drei Monate nach der Eruption lag die Asche selbst 100 km entfernt noch bis zu einem halben Meter hoch.
Die Geschwindigkeit der ausgespuckten Gase und Aschen erreichte über 1000 km/h. Im Umkreis von 27 km wurden die Wälder wie Streichhölzer umgeknickt.
Die Explosion wurde Hunderte von Kilometern entfernt gehört, sogar in Kanada. Wegen der Luftbewegung und der örtlichen Topografie jedoch wurde in einem Ort etwa 60 km weit weg nichts gehört! Wegen der Schallreflexion an der Stratosphäre konnte die Explosion auch in einem Umkreis von 10 km akustisch nicht wahrgenommen werden.
Über 3 Milliarden Kubikmeter Lava, Asche, Gestein und Erde wurden in die Umwelt gesprengt, dies entspricht mehr als einer Tonne pro Person auf unserer Erde. Der Berg wurde um über 415 m kleiner.
Allein während der Explosionen und in den Lavaströmen starben über 67.000 Säugetiere und Vögel. Im heißen Wasser verendeten 7 Millionen Fische. Infolge der Lavaasche gingen in den nächsten Tagen nochmals fünf 1/2 Millionen Tiere elend zu Grunde. Demgegenüber hielten sich die materiellen und persönlichen Verluste der Menschen in Grenzen: 57 Personen kamen um, 1000 Menschen wurden evakuiert. Auf den nachtdunklen Straßen passierten etliche Autounfälle.
In mehreren Besucherzentren sehen wir Dokumentarfilme, Interviews mit Überlebenden, Bilder und viele andere interessante Informationen.
Direkt nördlich vom Mount St. Helens liegt der Mount Rainier: Der 4392 m hohen Gipfel hebt sich durch sein massives Äußeres von den anderen Vulkanen entlang des amerikanischen Ring of Fire deutlich ab. Die Vulkantätigkeit ruht zur Zeit. Der letzte große Ausbruch liegt über 2000 Jahre zurück.
Nicht die absolute Höhe ist es, die diesen Berg so majestätisch wirken lässt, sondern seine Höhe über dem Umland. Sein Gipfel liegt im Durchschnitt 2500 m über den benachbarten Bergen und über 3300 m oberhalb seiner Basis im nahen Tiefland - eine Distanz, die von den wenigsten Gipfeln der Welt erreicht wird. Seine Gletscherwelt sucht ebenfalls ihresgleichen. Kein Gebiet Amerikas (außerhalb Alaskas) weist so viele Gletscher - 28 an der Zahl - und eine so große Eisfläche - 83 km2 - auf.
Durch seine Mächtigkeit sorgt der Mount Rainier für sein eigenes Klima. Die vom Berg gestoppte Meeresluftströmung hält so viel Wasser, dass besonders der Abschnitt südlich allein im Winter mit durchschnittlich 5 m Schnee bedeckt ist. Der Rekord liegt sogar bei 29 m, die im Winter 1971/72 gemessen worden sind.
Bei blauem Himmel genießen wir - von den Gletschermassen geblendet - die ungehinderte Sicht auf dem Koloss.
Seattle ist dank seiner herrlichen Lage am
Puget Sound, des großen Sees Lake Washington direkt hinter Down Town sowie
der küstennahen Berge mit fantastischer Aussicht auf den Mount Rainier eine
der reizvollsten Metropolen Nordamerikas. Dabei ist die städtische
Geschichte verhältnismäßig jung, selbst für amerikanische
Verhältnisse. Erst ab 1851 lebten hier weiße Siedler. Dank der
Entdeckung von Gold am Klondike im Jahre 1897 boomte die Stadt und versechsfachte
Ihre Einwohnerzahl allein zwischen 1887 und 1910. Im 20. Jahrhundert
schließlich zogen die Boeing-Werke hinzu, 1962 war die Weltausstellung in
Seattle, und schließlich zog auch die Softwarefirma Microsoft in die
Region. Seattle zählt heute 570.000 Einwohner, wobei im Großraum ca. 3
Mio. Menschen leben.
Wir erleben die regenreichste Stadt der USA bei herrlichem Sonnenschein. Meine Bekannte, sie wohnt schon über 20 Jahre in der Gegend, führt uns durch die Stadt und zeigt uns die schönsten Stellen. Abends genießen wir frische Meerestierspezialitäten.
Der Pike Place Market stellt ein Stadtviertel dar, das sich mehrstöckig über viele Ebenen hinzieht und mit Gängen, Sektionen und Veranstaltungen ein Eigenleben führt. Dieser ehemalige Bauern- und Fischmarkt aus dem Jahre 1907 bietet ein lebhaftes Ambiente, das deftige Marktschreier, Gourmetverkaufsstände, einen Blumen- und Obstmarkt sowie Kleiderstände und einen Flohmarkt umfasst. Unter allen Märkten Nordamerikas ist dieser wohl der älteste. Hier sehen wir auch fliegende Fische, eine Attraktion für Touristen dieses speziellen Standes. Der Kunde sucht sich in der Auslage den gewünschten Fisch aus. Einer der Verkäufer nimmt den Fisch und wirft ihn mehrere Meter weit seinem Kollegen zu. Unter großem Publikumsbeifall werden Fische, die sicherlich über 10 kg schwer sind, aufgefangen, abgewogen und verkauft.
Nach zwei Tagen mit unserer hervorragenden Stadtführerin verlassen wir die schöne Stadt.
Die letzte Etappe unserer Rundreise führt uns zu den Boeing Werken in Everett. Seit 1967 werden dort unter anderem die 747-Jumbojets zusammengebaut. Die Halle, in der sechs Fertigungslinien vorhanden sind, ist 1 km lang, über 700 m breit und 35 m hoch. Jedes der sechs Tore ist so groß wie ein Fußballfeld. Die Grundfläche der Halle entspricht der Größe von 911 Basketballfeldern, die Fläche meiner Wohnung würde über 4000 mal hinein passen. Bei der Führung erfahren wir, dass in einem Jumbojet etwa 300 km Kabel verlegt werden, seine Höhe der eines fünfstöckigen Hauses entspricht, er über 70 m lang ist, das Leergewicht über 180 Tonnen und das Gesamtgewicht nahezu 400 Tonnen beträgt. Die Dimensionen, die wir zu sehen und zu hören bekommen, nehmen uns den Atem. Unvorstellbar, dass sich solch ein Koloss in der Luft halten kann. Und doch fliegen wir am darauf folgenden Tag nach dieser so erlebnisreichen, ungefähr 5000 km langen dreiwöchigen Rundreise in einem Jumbojet zurück in die Heimat.
Anmerkung des Redakteurs: Ich finde diesen Reisebericht klasse! Ihr auch? Wenn Ihr wollt, schreibt doch auch mal etwas Kleines für unsere Zeitschrift. Ich würde mich über jede Zusendung sehr freuen. Und ich bin sicher, die Leser dieses Blattes auch. Bitte schicken an Tilmann Kleinau, Paul-Lincke-Str. 4, 70195 Stuttgart oder mailen an kleinau@ aktive-behinderte·de. Danke! Euer Tilmann Kleinau
Jeden zweiten Samstag kreatives Werken mit Gudrun Hettich. Wer mitmachen möchte, bitte Gudrun anrufen unter Tel. 0711/4797884.
Jeden letzten Donnerstag im Monat ist ab 19 Uhr Stammtisch im Café "Punktum" im Treffpunkt Rotebühlplatz.
Leute zur Gründung einer Theatergruppe gesucht…
Ob klassisch oder improvisiert - wir wollen uns einfach ausprobieren!
Wer Lust hat dabei zu sein, meldet sich einfach bei Andrea Petersen unter
0173/516 99 69 oder 0711/780 18 58.
Cartoon von Stefan Stark
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