ABS-Logo: Aktive Behinderte in Stuttgart und Umgebung - Zentrum für selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen Stuttgart e.V.

News 4 November 2004

Sondernummer zur Eröffnung des ZsL

Einbau der Küche Edwin Schwarz (li.) und Peter Epp (re.) mit Helferin Marianna beim Einbau der Küche

Nach erfolgreichem behindertengerechtem Umbau durch die Stadt Stuttgart konnte der ABS am 31. Juli 2004 seine neuen Vereinsräume in der Reinsburgstraße 56 beziehen.

217 m2 Büro- und Versammlungsräume geben dem Verein den dringend benötigten Rahmen für Begegnungen, Beratung, Seminare, Informationsabende, Kulturelles und die tägliche Verbandsarbeit. Das "Zentrum für selbstbestimmtes Leben" (ZsL) ist ein Treff für behinderte und nichtbehinderte Menschen in und um Stuttgart.

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Vorwort des Ersten Vorsitzenden

Foto von Johann Kreiter Liebe Mitglieder und Freunde des ABS,

nun ist es soweit. Was lange währt, wird endlich gut. Der ABS/ZsL hat endlich seine neuen Clubräume. Seit 1. August sind wir in der Reinsburgstr. 56. Das heißt für uns: keinen Ärger mehr mit Herrn Hoffmann von der Körperbehindertenschule, der uns durch ständige kleine Anmerkungen und Belehrungen wissen ließ, dass wir ausziehen sollten. Mit seinen Lehrkräften hatten wir keine Probleme, sie waren sehr kooperativ.

Neue Vereinsräume - das bedeutet für uns alle, dass wir in Zukunft gefordert werden. Von Seiten der Stadt, die uns dies überhaupt ermöglichte, werden hohe Erwartungen in uns gesetzt. Nicht umsonst diktierte Frau Sozialbürgermeisterin Müller-Trimbusch im Dezember letzten Jahres den Journalisten in den Notizblock, dass sie die Kompetenz in diesem Zentrum sieht.

Wir werden sicherlich mit Argusaugen von allen Seiten beobachtet. So meinte eine Geschäftsführerin eines Landesverbandes, dass wir uns mehr um die kommunalen Belange kümmern sollten. Das tun wir, da kann sie beruhigt sein. Wir werden uns auch um die Dinge kümmern, die uns alle angehen, egal ob in Stadt oder Land.

Von anderer Seite wurden wir belehrt, dass wir nicht der einzige Verband wären, der sich auf die Fahne geschrieben hat, Beratung von Behinderten für Behinderte zu machen. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Wir beraten alle Menschen mit Behinderung, wenn sie zu uns kommen. Dazu kommt, dass wir auch nicht nachfragen, ob jemand bei uns Mitglied ist. Sie werden es werden, wenn sie eine gute Beratung erfahren haben. Da bin ich mir sicher. Dass wir so unter die Lupe genommen werden, ist auch ein gutes Zeichen - man nimmt uns ernst. Das sollte man auch. In unserem Zentrum steckt viel Kompetenz und Erfahrung aus den vergangenen Jahren. Deshalb werden wir nicht nur von der Messe Stuttgart und der Stadt als Kooperationspartner gesehen, sondern auch von zahlreichen anderen Partnern.

Genau das ist es, was unsere Partner sich wünschen: dass Menschen mit Behinderung mit am Tisch sitzen und sachlich und kompetent mitarbeiten und nicht sogenannte "Normalbehinderte" über unsere Belange reden.

Es geht hier nicht darum, anderen ihr Tun abzusprechen, sondern darum, ihnen klar zu machen, dass wir zwar in unserer Mobilität nicht die besten sind, aber durchaus im Stande sind, für uns selbst zu sprechen. Das nennt man Selbstbestimmung oder auch Mitbestimmung.

Ich möchte auf keinen Fall versäumen, all denjenigen zu danken, die in den letzten Jahren, Monaten und Tagen kräftig mitgeholfen haben, dem ABS/ZsL dies zu ermöglichen. Es waren nicht nur Mitglieder des Vereins, sondern auch die Helfer von Michael Fischer, Peter Epp und Friedrich Müller, meine Lebensgefährtin Andrea, die Mitarbeiter der Firma Lotterie Glöckle, meine Freunde, die Freunde von der Stuttgarter Kripo und deren Familien, die Gemeinderäte, die dafür stimmten, dass unser Zentrum einen Zuschuss erhielt, die Hilfe aus dem Gesundheitsamt der Stadt Stuttgart, Frau Braun und Herr Burgemeister und nicht zuletzt Frau Müller-Trimbusch, die Sozialbürgermeisterin, die an uns glaubt.

Wenn uns so viele Leute bei der Verwirklichung unseres Zentrums helfen, einfach weil sie unsere Idee gut finden, sollten unsere Vereinsmitglieder aber auch diese großartige Chance nützen und sich wieder stärker am Vereinsleben beteiligen. Bitte kommt wieder öfter, macht mit, bringt Ideen ein, sprecht Freunde und Bekannte an. Jetzt, wo wir die Räume haben, wollen wir auch gemeinsam etwas auf die Beine stellen!

Johann Kreiter

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Beratung im ZsL Stuttgart

Von Johann Kreiter

Hauptanliegen der Gründungsmitglieder - einer Gruppe von Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen - ist der gemeinsame Wille, ein "Zentrum für selbstbestimmtes Leben" (ZsL) in Stuttgart aufzubauen und zu betreiben. Solche Zentren arbeiten bereits bundesweit in zahlreichen Städten mit großem Erfolg, z.B. in Mainz, Berlin, Hamburg, Bremen, Kassel, Nürnberg, Erlangen und Köln. Unser Hintergrund ist die Philosophie der US-amerikanischen "Independent Living" (Selbstbestimmt-Leben-)-Bewegung, die die Forderung nach gleichberechtigtem Zugang zu allen Lebensbereichen als Bürgerrecht vertritt und die - über die Methode des PEER COUNSELING (Betroffene beraten Betroffene) - die Beratungsarbeit anbietet.

Die in den "Centers for Independent Living" entwickelten und seit über 20 Jahren erprobten Arbeitsformen und -prinzipien werden wir uns für die Angebotsplanung des "ZSL Stuttgart" ebenso zu eigen machen wie die Erfahrungen und Grundsätze der hierzulande bereits arbeitenden "Zentren". Entsprechend haben wir uns im wesentlichen zwei Aufgabengebiete vorgenommen: Wir wollen

Der Schwerpunkt wird auf der Beratung liegen: Sie soll das Aufgabenfeld der Dienststelle sein. Die politischen Aktivitäten dagegen sind Inhalte der Vereinsarbeit und werden vom Vorstand und den Mitgliedern vertreten. Gleichzeitig jedoch sind sie Ausdruck der in der Beratung gewonnenen Erfahrungen.

Rollstuhl vor Treppe Seit 28 Jahren übernimmt der Verein "Aktive Behinderte Stuttgart und Umgebung" (ehem. cbf Stuttgart) wichtige Teilbereiche sozialpolitischer Arbeit im Großraum Stuttgart und mittlerweile weit darüber hinaus. So setzt er sich seit Jahren aktiv in Arbeitsgruppen für eine barrierefreie Stadt ein, versucht in öffentlichen Diskussionen Vorurteile und Vorbehalte gegenüber behinderten Menschen abzubauen, setzt sich gegen Diskriminierung jeglicher Mitbürger ein und ist bestrebt, einen integrativen Tourismus in Gang zu setzen.

Der Club ABS hat seit seiner Gründung als cbf - verstärkt aber seit 1988 - konkrete Projektarbeit im Großraum Stuttgart initiiert (Stadtführer / IG Planen und Bauen) und teilgenommen an den großen Tourismusmessen CMT und ITB zur Information von Reiseveranstaltern und behinderten Konsumenten. Die hierbei gemachten Erfahrungen sollen in die Arbeit unseres Zentrums einfließen.

Zur Notwendigkeit einer Beratungsstelle von Behinderten für Behinderte, die unabhängig, ganzheitlich und ermächtigend arbeitet:

Als behinderte Menschen müssen wir aufgrund unserer Abhängigkeit von fremder Hilfe oft unter Bedingungen leben, die es uns wesentlich erschweren oder gar unmöglich machen, eigene Vorstellungen, Bedürfnisse und Wünsche überhaupt zu entwickeln, geschweige denn durchzusetzen.

Aussonderung in Heimen, Sonderschulen und beschützenden Werkstätten, ungeregelte und fremdbestimmte Strukturen der Hilfeversorgung, äußere Barrieren und die alltägliche Erfahrung, anders als Nichtbehinderte behandelt zu werden, beeinflussen unser Selbstbild und fördern Minderwertigkeitsgefühle, Passivität und Selbstverachtung. Fehlende oder in der individuellen Lebensgeschichte nicht zugebilligte Entfaltungsspielräume verhindern darüber hinaus, dass wir Vertrauen in unsere eigenen Fähigkeiten aufbauen und Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortlichkeiten entwickeln.

Dazu kommen noch die Erfahrungen mit einem komplexen System von Leistungserbringern (Sozialhilfeträger, Reha-Einrichtungen etc.), die in ihren Zuständigkeitsdefinitionen und ihren Formen der Hilfegewährung vom Einzelnen unmöglich durchschaut werden können, so dass wir als Betroffene oft längst nicht alle unsere Ansprüche geltend machen und sogar auf Hilfe manchmal ganz verzichten.

Angesichts dieser Situation halten wir es für dringend erforderlich, dass das derzeitige Angebotsgefüge an Beratungsmöglichkeiten für uns und von uns als Behinderten ergänzt wird durch eine Anlaufstelle,

Zur Umsetzung dieser Prinzipien entwickelte die Independent-Living-Bewegung ihre Beratungsmethode des Peer Counseling.

Peer Counseling bedeutet den Austausch behinderungsspezifischer Erfahrungen mit anderen behinderten Menschen bzw. BeraterInnen. In Beratungs- und Trainingsangeboten haben behinderte Personen die Möglichkeit, praktische und soziale Fertigkeiten zu erlernen, um den Erfordernissen einer eigenständigen Lebensführung in einer Gemeinde gerechter zu werden. Grundgedanke ist, die Fähigkeiten der Rat suchenden Person in der Beratung weiterentwickeln zu helfen, so dass es ihr möglich ist, ihr Problem selbst zu bewältigen und selbstverantwortlich Lösungswege zu suchen. Dies wird dadurch erleichtert, dass der/die Beratende selbst behindert ist, woraus sich eine größere Vertrauensbasis entwickeln kann, grundlegende Gegebenheiten, die mit der Behinderung zusammenhängen, dem/der Beraterln selbst nicht fremd sind, und schließlich von der beratenden Person eine Modellrolle wahrgenommen wird: EinE RatgeberIn mit vergleichbarer Behinderung kann den Ratsuchenden auf diese Weise eine wesentlich authentischere und glaubwürdigere Hilfestellung bieten, als dies ein/e nichtbehinderte Reha-Experte/in je zu tun vermag.

Peer Counseling bietet geeignete behinderte Rollenvorbilder, die das Selbstbewusstsein stärken und zur Übernahme der Verantwortung für das eigene Leben ermutigen. Dadurch bleiben wir als behinderte Menschen nicht länger die abhängigen Opfer der fürsorglichen Bevormundung Anderer. Unabhängig von Art und Ausmaß der Behinderung können wir lernen, mehr Verantwortung für uns selbst zu übernehmen.

Hierfür ist unserer Überzeugung nach unabdingbare Voraussetzung, dass unsere Beratung geschlechtsspezifisch durchgeführt wird. Dies bedeutet, den Ratsuchenden wird die Möglichkeit gegeben, nach Wunsch von einer Frau bzw. von einem Mann beraten zu werden. Selbstverständlich wird niemand zu einer geschlechtsspezifischen Beratung gezwungen.

Sach- und Fachberatung

Dieser Bereich beinhaltet lebenspraktische und rechtliche Informationen, z.B. zu(r)

aber auch praktische Hilfestellungen wie

Ein ZsL in Stuttgart, das professionell für ein unabhängiges, ermächtigendes und ganzheitliches Beratungsangebot sorgt, soll folgende Struktur besitzen:

Beratungsform und BeraterInnen

Das Beratungsangebot soll in Stuttgart und Umgebung durch intensive und dauerhafte Öffentlichkeitsarbeit für behinderte Menschen bekannt gemacht werden. Die Beratung soll zum einen durch hauptamtliche MitarbeiterInnen des ZsL angeboten werden. Zum anderen wollen wir nebenamtliche BeraterInnen, sogenannte "Peer Counselors", einsetzen. Durch die Tätigkeit dieser Peer Counselors wird eine breitere Basis unserer Aktivitäten und Kapazitäten gewährleistet. Die Beratung kann in den Räumen des ZsL stattfinden, wir wollen sie allerdings auch in den verschiedenen Behinderteneinrichtungen anbieten (Sonderschulen, Werkstätten für Behinderte, Rehabilitationseinrichtungen). Durch diese Struktur können wir dem Beratungsbedarf behinderter Menschen und ihrer Angehörigen so gut wie möglich entgegenkommen.

Als nebenamtliche Peer Counselors sind behinderte Personen geeignet, die durch ihre Erfahrung in der Auseinandersetzung mit der eigenen Behinderung und der Bewältigung ihres alltäglichen Lebens anderen Behinderten Modellfunktion bieten können. Sie sollen von den hauptamtlichen BeraterInnen in den grundlegenden Beratungstechniken ausgebildet werden und durch ständige Supervision im jeweiligen Beratungsprozess begleitet werden. Die Verpflichtung, mindestens ein Jahr lang in der Beratung tätig zu sein und die Zahlung einer Aufwandsentschädigung für die geleistete Tätigkeit soll unterstützend für die Motivation wirken und damit die Qualität der Beratung sicherstellen.

Mit diesem Angebot kann das ZsL Stuttgart engagierten Personen entgegenkommen, die sich mit unseren Zielen identifizieren können und in unserem Projekt mitwirken möchten. Die Vielzahl von BeraterInnen bedeutet auch für die Ratsuchenden bessere Unterstützungsmöglichkeiten bei individuell unterschiedlichen Problemlagen.

Humor

Cartoon: Blinder auf Bbehinderten-Parkplatz Quelle: www.muenic.de/humor

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ABS - ZsL - Beitrag zum barrierefreien Tourismus

Schon seit den späten 80er Jahren beschäftigt sich der ABS mit dem Thema "Tourismus für Menschen mit Behinderungen". Der ABS hat erkannt, wie wichtig Urlaub, Reisen und Mobilität gerade für behinderte Menschen sind, und welche Chancen für die Integration dieser Bevölkerungsgruppe in die Gesellschaft damit verbunden sind.

Im Jahre 1997 nahm in Stuttgart der ABS die Beratungs- und Informationsarbeit auf. Der ABS wird im Bereich Tourismus in seiner Messearbeit vom Bundesministerium für Gesundheit und soziale Sicherung gefördert und hat die Aufgabe, mobilitätseingeschränkte Menschen über barrierefreie Reisemöglichkeiten zu informieren, sie bei der Wahl des Urlaubszieles und der Verkehrsmittel zu beraten sowie Projekte zu unterstützen, die dazu beitragen, "Tourismus für Alle" besser möglich zu machen.

Dies geschieht zum einen durch individuelle Beratung. Anfragen zum Thema werden direkt telefonisch, schriftlich oder per E-Mail beantwortet, bzw. entsprechende Kontakte vermittelt. Außerdem präsentiert der ABS sich und seine Angebote auf den großen Tourismusmessen in Stuttgart (CMT) und München (CBR). Bei diesen Messeauftritten gibt es neben allgemeinen Informationen auch die Möglichkeit zu individuellen Beratungsgesprächen.

Dazu bietet der ABS auf seiner Homepage eine Fülle von Informationen zum barrierefreien Reisen an: So z. B. Verzeichnisse über Reiseveranstalter mit speziellen Angeboten für Menschen mit Handicap, über einzelne Urlaubsangebote wie z. B. Hotels oder Ferienanlagen oder auch über Angebote von Organisationen der Behinderten-Selbsthilfe. In der Mitgliederzeitschrift ABS-News gibt es aktuelle Informationen zum barrierefreien Tourismus, Reiseberichte und Reportagen über zugängliche Urlaubsziele.

Rollstuhlfahrer am Strand Ein weiteres Arbeitsfeld des ABS besteht darin, gemeinsam mit Vertretern aus der Selbsthilfe, der Politik, der Tourismuswirtschaft und deren Fachverbänden sowie von Aus- und Fortbildungseinrichtungen Konzepte und Lösungsansätze zu entwickeln, die es auch behinderten Menschen ermöglichen, touristische Angebote gleich­berechtigt wahrzunehmen.

Um das Thema "Tourismus für alle" stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken, werden alle Aktivitäten des ABS von einer breit gestreuten Presse- und Öffentlichkeitsarbeit begleitet.

Im Jahr 1999 erhielten Werner Gössmann und Johann Kreiter für ihre vorbildliche Arbeit im Tourismus von dem Verband der Reisejournalisten (VDRJ) aus der Hand der damaligen Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer den Preis für besondere Verdienste um den Tourismus überreicht. Die Preisträger in den Jahren zuvor waren Friedensreich Hundertwasser mit seinem Entwurf des Hotels "Rogner Bad Blumenau" und Bundeswirtschaftsminister Dr. Hans Friederichs.

Der ABS hat inzwischen viele Regionen zum barrierefreien Tourismus im In- und Ausland beraten, Stärken und Schwächenanalysen erstellt, Seminare mit dem Deutschen Seminar für Tourismus, der Tourismusmarketing Baden-Württemberg, der IHK und der DeHoGa veranstaltet. Der ABS ist beratend tätig für das Fernsehreisemagazin "Grenzenlos". Ein großer Erfolg war auch die Ausbildung von behinderten Tourismusberatern mit dem Bildungs- und Forschungsinstitut in Kassel.

Sie finden uns auf der CMT, 15. bis 23. Januar 2005, Halle 3, Stand 303

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Mehr Mitsprache für Menschen mit Behinderung

Von Tilmann Kleinau

Diskussion mit zwei Stuttgarter OB-Kandidaten in neuen Räumen des ABS

Am Dienstag, den 14. September um 19.00 Uhr lud der ABS die interessierte Öffentlichkeit zum Gespräch mit den Stuttgarter OB-Kandidaten über die Behindertenpolitik der Stadt Stuttgart ein. Die OB-Kandidaten Ute Kumpf (SPD) und Boris Palmer (Bündnis 90/Die Grünen) stellten sich der Diskussion, der amtierende Oberbürgermeister Dr. Wolfgang Schuster (CDU) kam leider nicht. Knapp 50 Personen, viele davon behindert, verfolgten die Veranstaltung mit großem Interesse. Es war die erste öffentliche Veranstaltung des Vereins in seinen neuen Räumen in der Reinsburgstraße 56.

Im Anschluss an die Statements von Frau Kumpf und Herrn Palmer wurden Fragen aus dem Publikum beantwortet. Hier zeigten sich die Schattenseiten der momentanen städtischen Behindertenpolitik unter OB Schuster: Qualifizierte schwerbehinderte Stellenbewerber werden abgelehnt, ohne sie zum Vorstellungsgespräch einzuladen. Der Behindertensportverein Stuttgart wird durch drastische Mittelkürzungen in seiner Existenz bedroht, ohne dass man mit dem Vorstand vorher über Auswege spricht. Das Kindergästehaus für hyperaktive und mehrfach behinderte Kinder, das mit aufwändiger Betreuung durch Fachpersonal die Eltern dieser Kinder zeitweilig entlastet, musste wegen fehlender Mittel bis zum Frühjahr 2005 schließen. Vielfach fehlt es an Niederflurbussen und abgesenkten Borlefteinkanten, ohne die manche behinderte Menschen das Haus nicht allein verlassen können.

Die Betroffenen, die den OB bzw. die Stadtverwaltung wegen dieser und anderer Missstände anschrieben, erhielten oft entweder gar keine Antwort - oder erst nach 2-3 Monaten, jedenfalls keinen Versuch einer Lösung des Problems. Alle Anwesenden waren sich einig, dass die Kommunikation zwischen Stadtverwaltung und Behindertenverbänden dringend verbessert werden muss.

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Neues aus dem Club

ABS bietet Fahrdienst an

Wer zu einer Veranstaltung in die Räume des ABS kommen möchte, aber wegen Behinderung und mangels Auto oder Begleitperson nicht kommen kann, kann ab demnächst vom ABS-eigenen Fahrdienst zuhause abgeholt und nach der Veranstaltung wieder heimgebracht werden. Was das kostet? Der ABS verlangt pro Fahrt eine Pauschale von 10 Euro und eine Kilometerpauschale von 55 Cent je km.

Bestellungen und Fragen unter Tel. 0711-780 18 58.

Feste Öffnungszeiten des ABS

Das Büro des ABS ist jeden Montag von 10 bis 12 Uhr und jeden Dienstag von 16 bis 18 Uhr besetzt.

Beratungstermine finden nur nach vorheriger telefonischer Vereinbarung statt

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Einladung zur ABS-Weihnachtsfeier

Zur Weihnachtsfeier des ABS am Donnerstag, den 16. Dezember um 18.00 Uhr sind Mitglieder und Gäste herzlich eingeladen. Es wird wieder etwas zu essen und ein unterhaltsames Programm geboten.

Bitte bis 13.12. anmelden unter Tel. 0711-780 18 58.

Übrigens: Wer etwas zum Programm beisteuern kann - bitte melden!

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Mitglied im Porträt

Von Tilmann Kleinau

Hans zusammen mit einem Mönch in Sri LankaHans Kreiter im Gespräch mit einem Mönch in Sri Lanka

Er ist ein Hans-Dampf in allen Gassen, ein unermüdlicher und hartnäckiger Kämpfer für die Gleichberechtigung und die Selbstbestimmungsrechte behinderter Menschen. Ohne seinen Einsatz wären wir vom ABS noch lange nicht in neuen Räumen - und erst recht nicht in so schönen. Deshalb möchte ich unseren nimmermüden, unternehmungs- und reiselustigen "Boss" hier mal ein bisschen näher vorstellen.

Johann N. Kreiter (Foto siehe auch Vorwort des Ersten Vorsitzenden) wurde am 19. Juli 1949 in Blaichach im Allgäu geboren. 1960 erkrankte er an Kinderlähmung, die ihn ein paar Jahre später in den Rollstuhl brachte. Er machte eine Ausbildung zum Uhrmacher und arbeitete im Bereich Film und Fototechnik. Seit 1978 war er beim Club Behinderter und ihrer Freunde (CeBeeF) Stuttgart aktiv, auch als Vorstandsmitglied in der Bundesarbeitsgemeinschaft des CeBeeF. Er beteiligte sich an der Erstellung von Stadtführern für Menschen mit Behinderung und nimmt seit 1988 regelmäßig als Aussteller an der Messe "Caravan-Motor-Tourismus Stuttgart" (CMT) teil. 1989-90 machte er eine Ausbildung zum Nachrichtenmechaniker. 1992-95 fuhr er Kart-Rennen. 1995-97 war er Vorsitzender des CeBeeF Stuttgart, seit 1997 ist er Vorsitzender der "Aktiven Behinderten Stuttgart" (ABS), die sich vom CeBeeF trennten.

1997 führte Hans seine erste Erhebung mit den Tourismusverbänden Starnberg und Pfaffenwinkel durch, der noch viele Erhebungen in anderen Orten folgten. Seit 1997 ist er Referent beim Deutschen Seminar für Tourismus (DSFT), seit 1998 wirkt er als Reisejournalist und Darsteller mit beim Fernseh-Reisemagazin "Grenzenlos", für das er 1999 die Auszeichnung vom Verband der deutschen Reisejournalisten erhielt. Im gleichen Jahr wurde er Zweiter Vorsitzender der "Nationalen Koordinierungsstelle Tourismus für alle" (NatKo). Im Jahr 2000 erstellte er die Broschüre "Baden-Württemberg barrierefrei" und bildet seither bei Bifos in Kassel behinderte Menschen zu Tourismusberatern aus.

2001 wählte die NatKo ihn zum Ersten Vorsitzenden. 2003 gründete er zusammen mit dem übrigen ABS-Vorstand das "Zentrum für selbstbestimmtes Leben" (ZsL) Stuttgart.

Wohlgemerkt: Das sind nur die nüchternen Daten seines Wirkens. Den Namen "Aktive Behinderte" konnte nur einer wie er prägen - einer, der heute in Italien, nächste Woche in Tunesien ist und dazwischen mal eben für 1-2 Tage zur NatKoVor­standssitzung nach Mainz fährt, wenn er nicht gerade ein paar Tage in Stuttgart weilt. Gott sei Dank hält die Welt ja noch ein paar Orte bereit, die behindertentouristisch erhoben und geprüft werden müssen. Wär ja sonst langweilig, oder?

Er ist auch kein Freund von Funktionären, die meinen, sie müssten etwas für Behinderte tun. Wenn schon, dann mit den Menschen mit Behinderung. Am liebsten ist es ihm aber, dass behinderte Menschen selbstbestimmt handeln. Geradezu eine Allergie bekommt er, wenn ihm "Normalos" sagen, was für uns gut ist. Sein aller­wichtigstes Ziel ist die Integration behinderter Menschen in das alltägliche Leben mit all seinen Rechten und Pflichten.

Er behauptet von sich auch mit einem gewissen Stolz, dass er kein einfacher Mensch ist.

Wir vom ABS sind froh, dass wir so einen aktiven, ideenreichen, energiegeladenen Vereinschef haben. Vielen Dank für Deinen Einsatz, Hans, und mach so weiter!

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Peer Counseling

Ein persönlicher Bericht vom IsL-Weiterbildungslehrgang von unserem Mitglied Tobias Kuhnert

Ich möchte heute von meiner Weiterbildung als behindertem Berater zum Peer Counselor (IsL) berichten. Die Weiterbildung lief von August 2002 bis September 2003 an sechs Wochenenden und drei ganzen Wochen in Mainz und in der Nemitzer Heide. IsL steht für "Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland", "Peer Counseling" bedeutet: Menschen beraten, die in gleicher oder ähnlicher Weise wie man selbst von einem Problem betroffen sind. Konkret heißt das: Betroffene beraten Betroffene. Die Beratung umfasst alle Lebensbereiche.

Bevor ich auf einzelne Ausbildungsinhalte näher eingehe, möchte ich die innere Haltung beim Peer Couseling mit diesem Gedicht darstellen:

"HÖR ZU…"

"Wenn ich Dich bitte, mir zuzuhören
und Du fängst an, mir Rat zu geben,
machst du nicht das, worum ich Dich bat.
Wenn ich Dich bitte, mir zuzuhören
und Du sagst mir, ich sollte so nicht fühlen,
trampelst Du auf meinen Gefühlen.
Wenn ich Dich bitte, mir zuzuhören,
und Du tust etwas,
um meine Probleme zu lösen,
hast Du mich im Stich gelassen, so komisch das klingt.
Hör zu!
Alles, worum ich bitte, ist, dass du zuhörst
- nicht sprechen oder machen - horchen!
Rat ist billig,
für 'ne Mark kriege ich in derselben Zeitung mehrere Ratgebertanten.
Und ich kann selber leben. Ich bin nicht hilflos.
Vielleicht entmutigt und schwankend, aber nicht hilflos.
Tust Du für mich etwas,
was ich für mich selbst tun muss und kann,
schürst Du meine Ängste und meine Unzulänglichkeit.
Nimmst Du einfach hin, dass ich fühle, wie ich fühle,
egal wie unsinnig,
dann kann ich aufhören, Dich überzeugen zu müssen
und kann mich mit dem unsinnigen Gefühl befassen
und was dahinter liegt.
Und wenn das klar ist, sind Antworten offensichtlich
und ich brauche keinen Rat.
Unsinnige Gefühle machen einen Sinn,
wenn wir wissen, was dahintersteckt.
Vielleicht ist das der Grund, warum Gebete helfen
- manchen Menschen, manchmal -,
denn Gott ist stumm und Er/Sie gibt keinen Rat
und nimmt einem nichts ab.
"Sie" hören nur zu und lassen Dich selber machen.
Also - bitte hör mal zu - lausche.
Und wenn Du reden willst,
warte, bis Du dran bist - und ich höre zu."

Wie funktioniert nun diese Art des Zuhörens? Worauf muss ich achten?

Wichtig für den Ratsuchenden ist es, Interesse, Aufmerksamkeit und Zuwendung zu erfahren. Ratsuchende sollten ausreichend Gelegenheit bekommen, das Problem zu erläutern und einen inneren Bezug zum Problem herzustellen. Sie wollen das Vertrauen des Ratgebenden wecken und im Wirrwarr von Ereignissen, Gedanken und Gefühlen Klarheit gewinnen. Sie wollen gemeinsam mit dem Berater herausfinden, welches Anliegen in der Beratung bearbeitet werden sollte und Möglichkeiten der Problemlösung entdecken.

Für den Berater ist es wichtig, einen Eindruck vom Ratsuchenden zu bekommen, Zugang zu seiner Person zu finden, herauszufinden, welche Gefühle im "Hier und Jetzt" gerade vorherrschen, eine Beziehung zum Ratsuchenden aufzubauen und ihn beim Problemlösen, soweit er es möchte, zu begleiten.

Zuhören

Zuhören bedeutet nicht, Ratschläge zu erteilen, zu manipulieren, die Verantwortung für den Ratsuchenden zu übernehmen, ihn zu unterbrechen, ständig von sich selbst zu erzählen, die Gesprächsinhalte selbst festzulegen, unbeteiligt zu tun oder wegzuschauen.

Zuhören bedeutet, auf die Körpersprache des Klienten zu achten (Blickkontakt, Körperhaltung, Körperausdruck, Mimik, Gestik, Ausstrahlung), auf verbale Merkmale wie Stimme, Tonfall, Sprechweise zu achten, verbal zu folgen und das Gespräch anzuregen bzw. fortzuführen.

Verbales Folgen meint, den Ratsuchenden den Gesprächsverlauf bestimmen zu lassen, aufmerksam zuzuhören, ihn ausreden zu lassen, Bewertungen des Gesagten zu vermeiden und möglichst kurze, zum eigenen persönlichen Wesen des Beraters passende Einwürfe zu geben. Das Gespräch anregen bzw. fortführen bedeutet, das Gesagte verbal ("Hm", "Ja", "Wirklich") und nonverbal (Kopfnicken, Lächeln o.ä.) zu bestätigen, offene oder geschlossene Fragen einzusetzen und den Klienten zum Weiterreden zu ermutigen (etwa: "Erzähl ruhig weiter", "Ja, das verstehe ich…").

Diese Haltung ist Grundlage der Gesprächsführung und der gesamten Beratung.

Die Methode

Peer Counseling ist eine Verbindung zwischen einer Idee oder einem Zugang zu Menschen und verschiedenen Techniken. Jeder Aspekt für sich ist interessant und sinnvoll, kann aber für sich genommen noch nicht Peer Counseling genannt werden.

Es gibt fünf methodische Bestandteile: aktives Zuhören, Problemlösung, Körperbewusstsein, Planung und persönliches Wachsen.

Aktives Zuhören bedeutet Aufmerksamkeit schenken, Fragen stellen, paraphrasieren (umschreiben) und das Gesagte zusammenfassen. Problemlösung bedeutet, das Problem zu definieren, kreativ zu denken, wichtige Elemente herauszufiltern und zu einer Entscheidung zu kommen. Körperbewusstsein entsteht durch Entspannung, richtige Körperhaltung und kontrolliertes Atmen. Planung heißt, sich Ziele zu setzen, Checklisten zu erstellen, eine Zeitplanung zu erstellen und einzuhalten und die Ergebnisse auszuwerten. Persönliches Wachsen bedeutet, zu visualisieren (anschaulich, sichtbar zu machen), Bestätigung zu geben, mit Gefühlen zu arbeiten, Rollenspiele einzusetzen ("versetze dich in die Person innerhalb des Themas x") und intuitiv heranzugehen.

Innerhalb der Weiterbildung haben wir nicht zu allen fünf Punkten Übungen gemacht.

Die zentralen Techniken waren Übungen zur Gesprächsführung Berater - Ratsuchender, Rollenspiele und das Sichtbarmachen von Gefühlen (z.B.: drücke Wut und Trauer aus mit farbiger Knetmasse).

Nachfolgend möchte ich nun auf die Ausbildungsinhalte eingehen, die mir persönlich am wichtigsten waren und sind.

Geschichte und Philosophie der Selbstbestimmt Leben Bewegung in USA und Deutschland

Hierbei hat mich besonders beeindruckt, mit wie viel Kraft und Energie du etwas bewegen kannst - wenn du dich als behinderter Mensch als ein Mensch begreifst und handelst, der dieselben Pflichten und Rechte hat wie jeder Bürger in der Gemeinde (Gesellschaft). Erst recht dann, wenn du eine Bewegung bildest, dich zusammenschließt.

Methoden des Peer Counseling und Menschenbild

Hierbei ist wichtig, dass wir als Berater davon überzeugt sind, dass der Mensch sich dauerhaft im Wachstum befindet. Das heißt auch, er besitzt alle Kräfte in sich selbst - sowohl die zur Aufrechterhaltung eines Problems als auch die zur Lösung. Dies wiederum bedeutet: Aufgabe des Beraters ist es, die Kräfte des Ratsuchenden zu unterstützen, die zur Lösung seines Problems beitragen.

Selbsterfahrung

Das war für mich der zentrale und wichtigste Teil der Weiterbildung. Hier habe ich am meisten über mich, meine Behinderung, die Gesellschaft und die Zusammenhänge zwischen allem erfahren und gelernt.

Ich finde: Jeder behinderte Mensch sollte solch eine Selbsterfahrung machen. Danach kann er für sich selbst am besten beantworten und auseinanderhalten: Wo schränke ich mich selbst ein (z.B., weil ich mir etwas nicht zutraue)? Wo schränkt mich meine Behinderung ein? Wo schränkt die Gesellschaft mich wegen meiner Behinderung ein? Dies ist für das Selbstbewusstsein sehr wichtig, damit man sich nicht selbst für alles die Schuld gibt, was im persönlichen Leben nicht funktioniert.

Umgang mit Trauer und Leid

Für dieses zugegebenermaßen nicht einfache Thema haben wir uns eine ganze Woche Zeit genommen. So hatten wir die Möglichkeit, zu allen Facetten dieses Themas unsere jeweils sehr persönlichen Sichtweisen und Standpunkte zu überprüfen und andererseits zu erweitern. Es gab beispielsweise die Übung, ein persönliches Vermächtnis zu schreiben.

An dieser Stelle möchte ich mich herzlich für die Unterstützung des Vorstandes zur Finanzierung der Maßnahme durch die Bundesagentur für Arbeit bedanken.

Anmerkungen: Die verwendeten Materialien sind entnommen aus meinen persönlichen Weiterbildungsunterlagen und aus Peter van Kann/Stefan Doose: Zukunftsweisend - Peer Counseling und persönliche Zukunftsplanung (2. Aufl. 2000), bifos -Schriftenreihe Kassel.

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Ein Wort des Redakteurs

Tilmann KleinauLiebe Leserinnen und Leser der ABS News,

aus zeitlichen Gründen sehe ich mich gezwungen, das Ressort Öffentlichkeitsarbeit abzugeben. Dazu gehört auch die Redaktion der "ABS News", die ich von Anfang an gestaltet habe. Meine Nachfolgerin im Ressort Öffentlichkeitsarbeit ist Maria-Cristina Hallwachs, die im Mitglieder-Porträt vorgestellt wird. Sie wird ab der nächsten Nummer für die "ABS News" verantwortlich sein. Ich selbst übernehme weiterhin das Ressort Schriftführung.

Ich bin sicher, Maria-Cristina wird die Mitgliederzeitschrift zu unser aller Zufriedenheit fortführen, und wünsche ihr für ihre Arbeit alles Gute. Tilmann Kleinau

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Mitglied im Porträt

Foto von Maria Cristina Hallwachs Maria-Cristina Hallwachs

Maria-Cristina Hallwachs verstärkt den in letzter Zeit ausschließlich männlich besetzten ABS-Vorstand. Sie ist zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit des Vereins und für die Redaktion der "ABS-News".

Am 31. August 1974 kam sie in Stuttgart-Nord zur Welt und erlebte in unserer Stadt eine ganz normale Kindheit und Jugend, bis sie 1993 einen Badeunfall erlitt und querschnittgelähmt wurde. Sie kam dann für 15 Monate in eine Rehabilitationsklinik in Tübingen und benötigt seither rund um die Uhr Assistenz.

Von 1995 bis 2001 studierte sie Französisch und Geschichte an der Universität Stuttgart. Anschließend musste sie aus gesundheitlichen Gründen ein Jahr lang pausieren. Irgendwann in dieser Zeit lernte sie Andrea Petersen kennen, die sie für eine Mitarbeit beim ABS gewinnen konnte. Maria-Cristina interessiert sich neben der Öffentlichkeitsarbeit auch für die Beratung und wird von Andrea in diesen sensiblen Bereich eingearbeitet. Wenn möglich, möchte sie auch gern mal einen Peer-Counseling-Lehrgang machen. Ihre Hobbies sind Lesen, Ausgehen, ins Kino gehen, der VfB und Reisen, vor allem natürlich nach Frankreich, dessen Sprache und Literatur sie studiert hat.

Warum sie gern beim ABS mitmacht? "Weil hier alles zwischen den Betroffenen ganz direkt abläuft. Weil ich anderen Menschen mit meiner Beratung helfen möchte. Und weil die neuen Räume eine gute Chance sind, etwas Neues aufzubauen!"

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Nachrichten aus dem Frauenprojekt Lilith

Maria Cristina und AndreaAktiv und mit Herz für Frauen-Interessen: Maria-Cristina Hallwachs und Andrea Petersen

Auch das Frauenprojekt Lilith startet mit großem Schwung in den neuen Vereinsräumen. Seit November findet nun jeden ersten Dienstag im Monat regelmäßig von 16.00 bis 19.00 Uhr ein offenes Frauencafé statt.

Parallel dazu finden in unregelmäßigen Abständen themenspezifische Abende statt, an denen über ein verabredetes Thema diskutiert wird. Der erste Abend ist der 13. Dezember. Das Thema wird "Beziehung" sein.

Für diesen Abend bitten wir um Anmeldung: telefonisch unter 0711-780 18 58 oder per eMail unter E-Mail  info @ aktive-behinderte·de.

Eine weitere Neuheit bedeutet die Telefonsprechstunde, die ab November jeden ersten Mittwoch von 17.00 bis 19.00 Uhr speziell für Frauen offen steht.

Andrea Petersen oder Maria-Cristina Hallwachs stehen Ihnen in dieser Zeit unter 0711-780 18 58 zur Verfügung.

Innerhalb des Projektes "Gesundheit und Miteinander ins Viertel - Kultur, Beratung und Information für Frauen mit und ohne Behinderung", das wir gemeinsam mit dem Frauenkulturzentrum Sarah und der Stabsstelle für Gleichstellung der Stadt Stuttgart erarbeitet haben, sind wir zur Zeit mit der Erstellung des Programms für das 1. Halbjahr 2005 beschäftigt.

Geplant sind Freizeitangebote wie ein Besuch der Stuttgarter Oper, ein Lachtreff und ein Stadtspaziergang. Außerdem werden Informationsveranstaltungen zum Thema "Arbeit" wie z.B. Bewerbungstraining angeboten. Das Programm wird ab Mitte Dezember in den Vereinsräumen ausliegen.

Andrea Petersen & Maria-Cristina Hallwachs, Frauenprojekt Lilith
E-Mail  petersen @ aktive-behinderte·de
E-Mail  hallwachs @ aktive-behinderte·de

Lilith-Termine:

27.01., 18 Uhr Eröffnungsveranstaltung "Miteinander ins Viertel" im ZsL
18.02., 17 Uhr "Hinter den Kulissen des Stuttgarter Balletts". Ort: Opernhaus Stgt.
03.03., 18 Uhr "Erwerbsarbeit trotz Handicap", im ZsL
17.03., 18 Uhr Lachtreff für Frauen, im ZsL
09.04., 15 Uhr Besuch des AMSEL-Theaters

Justitia mit Blindenhund Justitia mit Blindenhund. Quelle: www.behindertefrauen.org

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Verkrüppeltes Leben !?

Körperbehinderte Gestalten in der europäischen Literatur - und was sie uns zu sagen haben

Von Tilmann Kleinau

Behinderte hat es schon immer gegeben - auch in der Literatur. Wir alle kennen Oskar Matzerath aus der "Blechtrommel" von Günter Grass oder Quasimodo, den buckligen und tauben Glöckner von Notre-Dame aus dem gleichnamigen Roman von Victor Hugo. Und es gibt noch viele mehr. Sie alle sind nur erdachte Wesen, aber für uns Leser genauso lebendig wie Winnetou oder Tom Sawyer - und sie können uns eine Menge darüber erzählen, was man früher über Behinderte dachte, wie man sie behandelte, und ob sich diesbezüglich inzwischen etwas geändert hat.

Denn die Autoren spiegeln mit dem, was sie über Körperbehinderte aussagen, meist den Wissensstand und die Meinungen ihrer Zeit - und die haben sich über die Jahrhunderte hinweg deutlich verändert.

Antike

In der Antike galt jede körperliche Behinderung noch als Strafe, die dem Betreffenden auferlegt wird und an der er selbst die Schuld trägt. Diese Sichtweise ändert sich erst mit dem Neuen Testament. Schließlich - so lehren Johannes und Lukas - ist auch der Missratene ein Geschöpf und ein Ebenbild Gottes, eine Anschauung, die die lebenden Betroffenen jahrhundertelang vor Tötung und Verfolgung bewahrte, aber auch das Mitleid festschrieb, das bis heute die wichtigste Anschauung der Nichtbehinderten darstellt.

Mittelalter

Im mittelalterlichen höfischen Roman gibt es keine Behinderten, denn hier wird nur das beschrieben, was die höfische Gesellschaft als vorbildlich ansieht. Ansonsten sieht man an den zahlreichen Schwänken und Fastnachtsspielen der Zeit zwischen 1170 und 1350, dass Behinderte damals vom einfachen Volk nur "geduldet" und stets verspottet wurden. Das Spätmittelalter war fast überall in Europa eine Epoche großer Seuchen und Kriege; das Schicksal, verstümmelt zu werden, konnte jeden treffen. Das Elend und die Korruption der Kirche nahmen derart zu, dass die Schuldfrage und die Angst vor bösen Mächten wieder aufkamen und Behinderte wieder getötet wurden. Selbst der fromme Reformator Martin Luther war fest davon überzeugt, dass es Wechselbälger gäbe - also behinderte Kinder, die der Teufel den Eltern statt gesunder Kinder in die Wiege legte - und empfahl in einer seiner Tischreden, solche Kinder zu töten, um die Magie des Teufels zu brechen.

Renaissance und Barock

Kennzeichnend für die Behindertendarstellung des 16. und frühen 17. Jahrhunderts ist die Tatsache, dass Kinder aus armen Familien verstümmelt wurden, um als Bettelkinder zu arbeiten. Manche der damals veröffentlichten Schelmenromane, zum Beispiel "Das Leben des Lazarillo de Tormes", 1554 in Spanien erschienen, haben einen solchen Helden. Lazarillo geht bei einem blinden Bettler in die Lehre und erlernt dort das Gaunerhandwerk. Der Blinde ist aber nicht gemein, weil er behindert ist, sondern weil sein Außenseiterdasein ihn dazu zwingt.

Shakespeares Richard III. ist ein missgestalter und lahmer Fürst, der die Welt hasst, weil er sich selbst nicht leiden kann und der sich mit Heuchelei, Verrat und Mord den Weg zur Krone bahnt. Behinderung erheischt Mitleid, aber auch Selbstmitleid - erstmals interessiert man sich jetzt für die seelischen Folgen.

Christian Friedrich Daniel Schubart schreibt in seinem Gedicht "Der Bettlersoldat" (1784):

"Mit jammervollem Blicke,
Von tausend Sorgen schwer,
Hink ich an meiner Krücke
In weiter Welt umher...
Bedeckt mit dreizehn Wunden,
An meine Krück gelehnt,
Hab ich in manchen Stunden
Mich nach dem Tod gesehnt.
Ich bettle vor den Türen,
Ich armer lahmer Mann,
Doch ach, wen kann ich rühren,
Wer nimmt sich meiner an?"

Es bleibt beim Mitleid, bei der Klage über ein "verkrüppeltes" Leben. Eine echte Chance zur Selbstverwirklichung ist für behinderte Menschen noch lange ausgeschlossen.

Romantik

Das ändert sich erst ab 1820, auf dem Höhepunkt der Romantik. Jetzt setzt sich zum ersten Mal eine Dichtung durch, die nicht mehr erhaben, sondern persönlich sein will, nicht mehr idealtypisch, sondern originell und individualistisch. Autoren schaffen behinderte Gestalten, um darauf aufmerksam zu machen, dass sie selbst sich als Außenseiter der Gesellschaft verstehen - oder um auszuprobieren, welche neuen Darstellungsmöglichkeiten ihnen die Beschreibung des entstellten Körpers gibt. So heißt es über Quasimodo:

"Seine ganze Gestalt war eine Fratze. Auf seinem dicken Schädel sträubten sich fuchsrote Haare, zwischen den Schultern saß ein mächtiger Buckel, der ihm sogar den Vorderkörper einhöhlte; Schenkel und Beine waren so mißgestaltet, daß sie sich nur an den Knien berührten...; und trotz all dieser Unförmigkeit ein wahrer Protz an bedrohlicher Kraft, Wendigkeit und Mut..."

Das "Monster" Quasimodo, der Glöckner von Notre-Dame, hat trotz allem eine empfindsame Seele und einen guten Charakter. Er liebt die schöne Zigeunerin Esmeralda, aber er weiß, dass sie ihn nicht lieben kann. Hier wird vielleicht zum ersten Mal ein Behinderter im Verhältnis zu sich selbst und seiner Umgebung gesehen, aber die Darstellung ist noch sehr unnatürlich und "reißerisch".

Realismus

Die darauffolgende Epoche erstreckt sich etwa von 1830 bis 1880 und heißt heute "Realismus", weil sie sich die Beschreibung der gelebten Wirklichkeit zum Ziel gesetzt hat. Die Dichter des Realismus schildern, was sie sehen - egal, ob es schön oder hässlich, normal oder unge­wöhnlich ist. Dementsprechend finden auch körperlich Behinderte als Teil des Lebens ihren Platz in der Dichtung - übrigens auch als Nebenfiguren, wie der hinkende Hippolyte und der blinde Bettler in Gustave Flauberts Roman "Madame Bovary" (1857), was ein Anzeichen für zunehmende Normalität ist.

Bei Flaubert hat die Behinderung Verweisfunktion: Wie der klumpfüßige Hippolyte, ´hinkt´ auch Emma Bovary ihren Träumen hinterher, und wie der blinde Bettler, der in ihrer Todesstunde auf der Straße vor ihrem Haus frivole Lieder singt, ist das Leben für sie - und Flaubert - hässlich, grausam und trostlos.

Naturalismus

Um 1870 beginnt die Epoche des Naturalismus. Das Interesse an einer Beschreibung von Randgruppen hat inzwischen nicht nachgelassen, sondern eher noch zugenommen. Autoren wie Hauptmann, Dickens, Dostojewskij, Tolstoi und Zola teilen Flauberts Vorliebe für eine sachliche, mitleidarme Schilderung, verbreiten aber nach wie vor die Ansicht, dass das Leben mit einer körperlichen Behinderung nicht sehr lebenswert sei.

In Guy de Maupassants Novelle "Der Blinde" (um 1885) erfahren wir anhand eines blinden Bauernsohns aus der Normandie anschaulich, wie das Leben vieler Behinderter auf dem Lande damals aussah:

"Solange Vater und Mutter lebten, sorgte man noch halbwegs für ihn; nur unter dem furchtbaren Schicksal seiner Blindheit hatte er zu leiden. Doch kaum waren die beiden entschwunden, so begann für ihn ein grausames Elend. Eine Schwester nahm ihn bei sich auf, und alle auf dem Gut behandelten ihn wie einen Bettler, der das Brot der anderen aß. Bei jeder Mahlzeit warf man ihm vor, daß man ihn fütterte; man nannte ihn einen Nichtstuer, einen Lumpen, und obgleich sein Schwager sich des Erbteils des Blinden bemächtigt hatte, setzte man ihm nur ungern die Suppe vor, und gerade nur so viel, daß er nicht verhungerte. (...) Sobald er seine Suppe gegessen hatte, setzte er sich im Sommer vor die Türe, im Winter vor den Kamin, und so blieb er bis zum Abend und rührte sich nicht. Keine Geste, keine Bewegung machte er, nur die Lider, von einer Art nervösem Leiden durchzuckt, senkten sich manchmal auf die weißen Flecke seiner Augen. Hatte er einen Geist, ein Denken, ein klares Bewußtsein seines Daseins? Das war eine Frage, die kein Mensch sich stellte."

In dieser Passage wird ein Behinderter als Person beschrieben - er ist kein Symbol mehr für etwas ganz anderes! -, und sein trauriges Verhältnis zu seiner Umgebung wird ausführlich skizziert. Die ganze Gesellschaft ist inzwischen noch mehr als früher auf Gelderwerb ausgerichtet, was zu seiner Isolation noch beiträgt.

Der Roman "Germinal" (1885) von Emile Zola spielt im Bergarbeiter-Milieu. Die Kinderarbeit unter Tage ist erbarmungslos hart; lediglich die bucklige kleine Alzire bleibt davon befreit. Trotz ihres Handicaps wird sie von ihrer Familie geliebt und normal behandelt, was man von ihrer Umgebung aber nicht sagen kann:

"Man beglückwünschte die Mutter zu diesem für sein zartes Alter so verständigen Mädchen. Niemand sprach von dem

Höcker; Mitleid und Unbehagen zugleich drückten sich in den Blicken aus, die sich immer wieder nach dem armen, gebrechlichen Wesen wandten."

Ich habe diese Stelle ausgewählt, weil sie gleich vier der gängigsten Verhaltensweisen und Vorurteile gegenüber Körperbehinderten nennt:

  1. die Annahme, dass ein physisches Gebrechen durch seelische Reife ausgeglichen werden kann,
  2. das Verschweigen und Tabuisieren der Behinderung,
  3. das Anstarren und
  4. das Mitleid, das kein echtes Verständ­nis aufkommen lässt.

Für die Schriftsteller jener Zeit sind die Behinderten die Opfer einer bornierten, geldgierigen, unsozialen Gesellschaft, in der schon der Gesunde, wenn er nicht gerade reich ist, ums Überleben kämpfen muss.

Das 20. Jahrhundert

Cartoon: Behinderte auf SiegertreppeQuasimodo, Hippolyte und viele andere finden wegen ihrer Behinderung keine Partnerin. Das gleiche Problem hat der Held von Thomas Manns Erzählung "Der kleine Herr Friedemann" (1898). Johannes Friedemann ist klein und verwachsen. Früh lernt er, dass er nicht alle Möglichkeiten seiner Altersgenossen hat:

"Es kam die Zeit, wo er sie auf dem Schulhofe oft von gewissen Erlebnissen sprechen hörte; aufmerksam und mit großen Augen lauschte er, wie sie von ihren Schwärmereien für dies oder jenes kleine Mädchen redeten, und schwieg dazu. Diese Dinge, sagte er sich, von denen die anderen sichtlich ganz erfüllt waren, gehörten zu denen, für die er sich nicht eignete, wie Turnen und Ballwerfen."

Er verliebt sich in eine Bekannte und bringt sich schließlich aus Liebeskummer um. Das gleiche tun die blinde Gertrude in André Gides "Pastoralsymphonie" (1919) und die gelähmte Edith in Stefan Zweigs Roman "Ungeduld des Herzens" (1939). Aber es geht auch anders: Der durch Unfall erblindete Heinrich Mittenhaufen in Walter Jens´ Erzählung "Der Blinde" von 1951 beschließt, sein neues Leben anzunehmen, so schwer es auch sein mag, und der durch seine Riesennase verunstaltete Cyrano de Bergerac in der gleichnamigen Komödie von Edmond de Rostand (1897) macht sich als erster ganz selbstbewusst über seine Behinderung lustig - und über die Reaktionen der Nichtbehinderten!

Zusammenfassung

Vom Monstermenschen Quasimodo bis heute - das sind 170 Jahre, in denen der Behinderte vom hilf- und würdelosen, verachteten Ausgestoßenen zu einem (fast) normalen Mitglied der Gesellschaft geworden ist. Inzwischen haben sich Film und Fernsehen des Themas angenommen - in der Literatur kommt es kaum noch vor. Ob das Verschwinden behinderter Personen aus der Dichtung ein Beweis für mehr Normalität im Umgang miteinander ist, ist schwer zu sagen. Zu wünschen wäre es jedenfalls.

Literaturtipps zum Selberlesen:

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© ABS Stand: 2007-02-25
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