Michael Fischer
Bereits im Frühjahr 2004 beschließe ich, zusammen mit Nicole und Tim Neuseeland zu entdecken. Wir wählen als Reisemonat den Januar im dortigen Hochsommer. Um die lange Reise möglichst angenehm und schadlos zu überstehen - immerhin beträgt die gesamte Flugzeit circa 24 Stunden - buchen wir frühzeitig unsere Flüge mit einer Pause von jeweils zwei Tagen in Malaysia. Auch ein geeignetes Fahrzeug in Neuseeland ist schnell gefunden. Am 22. Januar 2005 endlich ist unser Start geplant.
10 Tage vor Abflug erfährt Nicole, dass sie wegen einer dringenden Operation nicht verreisen kann. Was tun? So eine große Reise kann ich nur mit zwei Begleitpersonen durchführen. Die Reise verschieben ist nicht so einfach möglich. Ich suche eine andere Begleitperson. Und tatsächlich - mein ehemaliger Assistent Nico ist zu meinem Glück (leider) arbeitslos und kann deshalb spontan einspringen. Die Fluggesellschaft weigert sich anfangs, Nicoles Flugticket für Nico freizugeben, aber die Drohung, zwei weitere Flüge abzusagen, überzeugt sie.
Am 22.1.2005 starten wir mittags bei circa 0 Grad in Frankfurt. Nach über 10 Stunden Flugzeit landen wir endlich morgens in Kuala Lumpur, der Hauptstadt Malaysias. Mit dem Ausstieg aus dem Flugzeug beginnt mein Abenteuer: für den Transport vom Flugzeugsitz zu meinem Rollstuhl bringt die Stewardess eine Art Campingklappstuhl mit Rädern. Leider bin ich zu groß, sodass Nico auf dem langen Weg durch das Flugzeug meinen Rücken stützen und Tim meine Beine tragen muss.
Wir tauchen in eine völlig neue, uns fremde Welt. Dank der Äquatornähe erwarten uns bereits bei Sonnenaufgang 27 Grad und eine gewaltig drückende Luftfeuchtigkeit. Meine beiden Begleiter setzen mich in den (natürlich nicht rollstuhlgerechten) Minibus, der uns vom Flughafen in die 70 Kilometer entfernte Stadt bringt. Da der Kofferraum voll ist, wird mein Rollstuhl kurzerhand auf den Beifahrersitz gequetscht. Auf der Fahrt durch endlose Plantagen von saftig grünen Palmen steigt in mir die Vermutung auf, dass unser Fahrer noch mehrere Leben vor sich hat, denn sein Fahrstil lässt darauf schließen, dass er auf ein zukünftiges besseres hofft.
Als Basislager für unseren zweitägigen Aufenthalt beziehen wir unser Hotelzimmer im 20. Stock. Die Klimaanlage kühlt die Luft auf angenehme Temperaturen und die Fenster dämpfen den Lärm des unendlichen Verkehrs. Von unserem Hotel sind wir positiv überrascht. Auf einer Dachterrasse im zehnten Stock, eingekeilt durch drei hohe Gebäude, befindet sich ein Swimmingpool mit einem künstlichen Wasserfall und einem kleinen tropischen Park. Das Frühstücksbuffet bietet für nahezu jeden Gaumen der Welt Köstlichkeiten: frische, bereits geschälte und geschnittene tropische Früchte, Brot, Kuchen, Omelette, asiatische Reisgerichte, indische Nudelgerichte, Müsli, Kaffee, Tee, Fruchtsaft und vieles mehr stärkt uns für die vor uns liegenden Extremtouren durch die Stadt.
Wir verlassen mittags das kühle Hotel und tauchen in die
feuchte 35 Grad heiße Luft. Kuala Lumpur (auf Deutsch "schlammige
Flussmündung") - meist einfach KL genannt - ist mit circa 1,5 Millionen
Einwohnern die größte Stadt des Landes. Mir scheint, dass jeder
Einwohner entweder Auto oder Moped fährt und die akustische
Umweltverschmutzung durch den Verkehr ist entsprechend beängstigend.
Fußgängerüberwege sind äußerst rar. Normalerweise muss man wie ein Hase zwischen den stinkenden und lärmenden Blechgeschossen die Seiten wechseln. Dies ist mit dem Rollstuhl eine wahre Herausforderung. Erschwerend kommt hinzu, dass die Höhe eines Bordsteins mindestens 30 cm beträgt. Angesichts dieser Bedingungen erreichen wir unser erstes Ziel nur mühsam, aber lebend und unverletzt!
Mit 452 Metern überragen die Petronas Towers die Stadt (nur
der neue Wolkenkratzer Taipei 101 mit 508 Metern ist höher). Von 1996 bis
2003 waren die Türme mit ihrer markanten Brücke die höchsten
Gebäude der Welt. Sie sind 1998 fertiggestellt worden und haben beide
jeweils 88 Stockwerke, 76 Aufzüge, darunter 29 doppelgeschossige
Hochgeschwindigkeitslifte, die jeweils 26 Menschen aufnehmen können. Zum
Bau der Türme wurden annähernd 37.000 Tonnen Stahl verbaut. Zusammen
besitzen sie 32.000 Fenster. In 170 Metern Höhe (zwischen dem 41. und 42.
Stock) sind beide Türme durch eine Stahlbrücke miteinander
verbunden, die im Jahr 2000 für die Öffentlichkeit freigegeben
wurde. Sie ist 58 Meter lang und wiegt rund 750 Tonnen.
Tatsächlich finden wir eine barrierefreie Untergrundbahn, die PUTRA Line. Bis zur Haltestelle sind es nur 200 Meter von unserem Hotel. Auf diesen 200 Metern müssen wir eine sechsspurige Straße ohne Fußgängerüberweg kreuzen, zwei Mammutbordsteine bewältigen und einige im Gehweg eingelassene Gitterroste geschickt umfahren, da die Schlitze darin so breit sind, dass sie zu Rollstuhlfallen werden können. Ab dem Aufzug zur Bahn ist tatsächlich alles rollstuhlgerecht. Für umgerechnet 30 Cent fahren wir mitten ins Zentrum. Am Ziel angekommen kommen uns aus dem 10-Personen-Aufzug mindestens 20 verschleierte Frauen in langen Kleidern entgegen. Verblüfft fragen wir uns, warum sie nicht die Rolltreppe benutzen, bis wir dort am Einstieg das Verbotsschild für Bodenlangkleidträger entdecken.
Unweit unserer Haltestelle liegt die zauberhafte kleine
Masjid Jamek Moschee, genau an der Stelle, wo sich die ersten
Siedler niederließen. Dort fließen die zwei Flüsse Gombak und
Klang zusammen, ein Platz, der als Geburtsort von Kuala Lumpur bezeichnet
wird. Die Moschee ist für Publikum geöffnet. Vor dem Betreten muss
man die Schuhe ausziehen und die Füße waschen. Obwohl ich keine
Schuhe anhabe und meine Füße sauber sind, darf ich mit dem
Rollstuhl nicht hinein.
Anders im nicht weit entfernten chinesischen Tempel: Hier darf ich hinein - allerdings gibt es eine Stufe. Trotz der überwältigenden Pracht der chinesischen Pagode treibt uns die vom Weihrauch getrübte Luft in der drückenden Hitze weiter.
Gleich hinter dem nächsten Häuserblock erreichen wir den
wohl prächtigsten Hindutempel von ganz Malaysia. Der Sri
Mahamariaman Tempel wurde im Jahre 1873 gebaut. Die bis ins kleinste
Detail ausgearbeiteten Verzierungen und Ornamente sind in sehr
zeitaufwändiger Handarbeit fein geschnitzt und mit Gold eingelegt unter
Verwendung von vielen edlen Materialien sogar aus Italien und Spanien. Leider
gilt auch hier Rollstuhlverbot.
Vom Tempel mitten in China Town gehen wir durch eine schmale Gasse, in der
seitlich dicht an dicht die leeren Verkaufstische für die abendlichen
Märkte aufgereiht sind. In der wabernden, feuchten Hitze schlägt uns
ein ekelerregender Gestank von vergammelnden Fisch-, Fleisch- und sonstigen
Essensresten entgegen. Entsetzt atme ich durch den Mund und verschließe die
Nase, sehe gerade noch, wie unzählige Ratten vor uns die Flucht ergreifen
und atme erleichtert auf, als wir die Petaling Street
erreichen. Hier sind die Läden den ganzen Tag über
geöffnet und das Einkaufen wird zu einem ganz neuen Erlebnis.
Imitationsware jeglicher Sorte, Handtaschen, Souvenirs, Uhren, Kleidung,
Gewürze, Obst, Gemüse und vieles mehr können hier erstanden
werden. Und zahle nicht den ausgeschilderten Preis! Denn hier heißt es
feilschen! Eine Einwohnerin rät uns, das Anfangsgebot auf 10 Prozent zu
setzen. Tatsächlich handelt Tim ein Paar (Original?) Sportschuhe auf die
Hälfte des Anfangspreises herunter. Dabei beträgt dieser bereits nur
ein Zehntel verglichen mit Deutschland.
Nach dem Lärm und Gedränge bietet es sich an, im nahe
gelegenen Park Taman Tasik Perdana, auch Lake Gardens
genannt, ein bisschen Ruhe zu genießen. Die Anlage stammt in seiner
Grundlage aus dem Jahr 1880. Dieses beliebte Naherholungsgebiet ist fast 100
Hektar groß und hat in der Mitte einen schönen künstlichen
See. Das üppige Grün des Parks bettet blühende Büsche und
Blumen ein und wird von hohen schattigen Bäumen überdacht, auf denen
wir sogar Affen finden. Wir besuchen den größten Vogelpark
Südostasiens: Über eine riesige Fläche mit Bäumen und
Büschen, kleinen Flüssen und Wasserfällen spannt sich ein Netz
und die meisten Vögel können daher frei umherfliegen, ohne zu
entkommen. Die Tiere sind an die Menschen gewöhnt und daher
überhaupt nicht scheu. Manche können sogar sprechen und
begrüßen uns (allerdings auf Englisch!).
Den Sonnenuntergang genießen wir auf KLs Fernsehturm Menara. Er ist mit einer Höhe von 421 Metern der vierthöchste der Welt. Die Aussichtsplattform befindet sich 376 Meter über der Stadt. Vor unseren Augen breitet sich ein riesiges Lichtermeer aus. Direkt gegenüber strahlen uns die Petronas Towers entgegen. Weiter hinten entdecken wir das hellblau beleuchtete, gefaltete Dach der Nationalmoschee Malaysias. Dieses markante Gebäude liegt direkt neben dem Hauptbahnhof, der im Jahre 1910 im maurischen Stil erbaut wurde und den Eindruck eines Palasts hervorruft.
Die ereignisreichen Tage lassen sich kulinarisch angenehm und abwechslungsreich beenden. Neben malaiischer Küche findet man indische, japanische, vietnamesische, chinesische und viele andere Restaurants. Die Speisen sind köstlich und die Preise extrem niedrig. Für weniger als zwei Euro kann man sich wirklich satt essen und dazu auch noch genügend trinken.
Nach zwei abenteuerlichen Tagen in KL fahren wir abends mit dem Taxi zum Flughafen. Unser Fahrer fährt so flott seinem nächsten Leben entgegen, dass ich in der Kurve mit dem Kopf gegen die Scheibe knalle und sich mein Brillengestell verbiegt. Ich verlasse die neue, uns so fremde Welt wieder mithilfe des Campingklappstuhls und verschwinde im Jumbojet nach Neuseeland.
Es wird angenommen, dass das erste polynesische Volk, die Vorfahren der heutigen Maori, zwischen 1000 und 1100 nach Christi in Doppelrumpf-Kanus nach Tausenden von Kilometern über offenes Meer das Land erreichten, dass sie fortan Aotearoa nannten, nämlich das "Land der langen weißen Wolke". Es muss sich um eine geplante Auswanderung gehandelt haben, denn in ihren Kanus transportierten die Neuankömmlinge auch Hunde und Nutzpflanzen, wie zum Beispiel die Süßkartoffel. Erst 1642 entdeckte der holländische Seefahrer Abel Tasman als erster Europäer das heutige Neuseeland. Über 100 Jahre lang wurde Neuseeland ignoriert, bis der aus dem englischen Yorkshire stammende James Cook 1769 die Inseln erreichte. Die eigentliche Besiedlung durch Europäer begann allerdings erst am Anfang des 19. Jahrhunderts. In den Jahren 1839 bis 1843 besiedelten etwa 19.000 Kolonisten Wellington, Nelson, New Plymouth und Wanganui. Zu dieser Zeit entstand auch die Stadt Auckland.
Wir erreichen das Ziel unserer Träume nach einem nur
zehnstündigen Flug, dem kürzesten unserer Reise. Eine halbe Stunde
vor der Landung gehen die Stewardessen durch die Sitzreihen des Flugzeuges und
nebeln uns mit Desinfektionsmittel ein. Die Neuseeländer haben panische
Angst, dass durch Einschleppen von Samen, Pflanzen oder Tieren ihre (auch
nicht mehr ganz) heile Flora und Fauna geschädigt werden könnte.
Deswegen wird auch nach der Landung das Gepäck stichprobenartig nach
Gefahrenquellen durchsucht, der Lehm im Schuhsohlenprofil geprüft und
angefangene Essensreste ordnungsgemäß vernichtet.
Zur Begrüßung auf dem von Frankfurt am weitesten entfernten Flughafen in Auckland steht mein Rollstuhl am Flugzeug nicht bereit. Glücklicherweise sind neuseeländische Transportrollstühle entschieden größer als asiatische, und wir begeben uns zur Gepäckausgabe. Alle Koffer sind schon da - jedoch kein Rollstuhl! In mir kommt Panik auf. Das Bodenpersonal sucht nahezu eine halbe Stunde. Der Rollstuhl ist gefunden, jedoch fehlt ein Rad. Nach weiteren 10 Minuten taucht zum Glück auch dieser Ausreißer wieder auf. Jedoch ist mein Stuhl durch die grobe Behandlung beschädigt, aber noch gebrauchsfähig!
In der Schalterhalle treffen wir uns mit Frank, der uns unseren Mietwagen übergibt. Einem Eiswagen nicht unähnlich, erwartet uns das weiße, einzigartige Ungetüm auf dem Parkplatz. Per Knopfdruck öffnen sich behäbig nacheinander die beiden Flügeltüren am Heck, anschließend klappt eine riesige Hebebühne heraus und senkt sich langsam zu Boden. Das Herauffahren der Bühne zusammen mit mir in unserem dreiwöchigen Begleiter geht nicht schneller vonstatten. Mit vier Gurten wird mein Rollstuhl direkt hinter dem Beifahrer auf der linken! Seite fixiert. Ja, dank des englischen Einflusses herrscht auch hier Linksverkehr. Für unseren Fahrer Tim ist dies in der 3-Gang-Automatikblechdose kein Problem.
Unsere erste Fahrt führt uns zum Backpacker-Hostel in Auckland. Ursprünglich für Rucksacktouristen wurde ein engmaschiges Netz dieser preiswerten Unterkünfte aufgebaut. Meist handelt es sich um wunderschöne alte Villen, Farmen, ehemalige Klöster oder Schulen. Neben Schlafsälen werden 2-, 3- oder 4-Bettzimmer zum Teil mit Gemeinschafts-, oft auch mit Privatbadezimmer angeboten. Einige sind mittlerweile barrierefrei. In jedem Hostel gibt es Gemeinschaftsräume, wie Wohnzimmer mit Fernseher, eine komplett eingerichtete Gemeinschaftsküche mit Kühlschränken, Backofen und Herd, oft Terrassen mit Grill, Hängematte, Kräutergarten und vieles mehr. Wir treffen Menschen aus der ganzen Welt, sprechen manchmal stundenlang in Englisch, bevor wir feststellen, dass unser Gegenüber aus der Schweiz kommt.
An unserem ersten Morgen in Neuseeland frühstücken wir - wie nahezu jeden Morgen - im Garten. Schon um 10:00 Uhr brennen die kräftigen Sonnenstrahlen durch die klare, fast immer bewegte Luft. Obwohl ich nicht empfindlich bin, empfiehlt sich ein Sonnenlichtschutzfaktor von mindestens 12! Frisch gestärkt heben mich meine beiden Begleiter in das 3-Gang-Lärmmobil, die Hebebühne wird ab jetzt wegen motorischer Langsamkeit geschont. Wir gehen auf Entdeckungstour nach Auckland, der größten Stadt Neuseelands. Die Hochhäuser in Downtown werden vom imposanten Skytower überragt, der mit 328 Metern das höchste Gebäude Neuseelands ist. Die Innenstadt zeigt sich sehr beschaulich. In Fußgängerzonen nahe der Universität spielen Straßenmusikanten, auf den gepflasterten Gehwegen hocken Experten, die im Blitzschach Passanten abzocken, Tische und Stühle auf den Plätzen vor den Straßencafes laden zum Verweilen ein. Wir nehmen vor einer Bar unter freiem Himmel Platz und bestellen ein gepflegtes Bier. Doch da kommt schon der Hinweis von der Bedienung: Alkohol wird nur drinnen verkauft, für den Straßenverkauf braucht man eine extra Lizenz. Weiter geht es zum neuseeländischen Automobilverein (AA). Dort erhalten wir kostenlos Informationen über Neuseeland sowie einen Hotelführer.
Am späten Nachmittag erreichen wir das Hafenviertel. Herrliche Segelyachten, gemütliche Restaurants am Pier und Möwen vermitteln eine entspannte Atmosphäre. Zwischen den neuen Gebäuden finden wir immer wieder interessante alte Bauten, wie das 1912 errichtete, neoklassizistische Ferry Building, den Knotenpunkt der Fährverbindungen.
Hinter der übersichtlichen Innenstadt erheben sich die
grasbewachsenen Hügel einiger der rund 50 erloschenen Vulkane.
Mount Eden ist mit seinen 196 Metern Aucklands höchster
Vulkan. Wegen seiner faszinierenden Aussicht vom Parkplatz auf dem Gipfel, nur
zwei Kilometer südlich des Zentrums, treffen wir hier zum Sonnenuntergang
einige Touristenbusse, die sich ebenso wie unser Eiswagen den steilen Hang
hinaufgequält haben. Wir sehen, dass jenseits des zentralen
Geschäftsviertels die Häuser nur selten höher als zwei
Stockwerke sind. Dafür erstreckt sich die Stadtfläche scheinbar bis
ins unendliche. Auckland ist eine der am dünnsten besiedelten Städte
der Welt - es umfasst das doppelte Gebiet von London, beheimatet aber nur rund
eine Million Menschen. Dies entspricht etwa einem Viertel der
Gesamtbevölkerung Neuseelands!
Bis auf die wenigen Städte ist Neuseeland äußerst
dünn besiedelt und dank der hohen Niederschläge ein sehr grünes
und idyllisches Land. Obgleich relativ klein, besitzt es einen ungeheueren
Naturreichtum: unberührte subtropische Wälder, vulkanische
Kraterbecken, Vulkane, Schlammtümpel und Geysire, zerklüftete
Küsten mit goldenen Sandstränden und spektakuläre
Gebirgslandschaften. Dabei bietet die vielgestaltige Landschaft eine enorme
Fülle an Tieren und Pflanzen. Fast 90 Prozent der Pflanzen sind
endemisch. Ursprünglich gab es keine Säugetiere auf den Inseln,
sodass Vögel keine natürlichen Feinde hatten und daher - wie zum
Beispiel der ausgestorbene Moa oder der noch heute scheu lebende Kiwi –
die Flugfähigkeit verloren. Auf unserer Fahrt erleben wir es immer
wieder, dass Vögel todesmutig vor unserer heranschießenden,
großen, weißen Blechdose gemächlich auf der Straße
herumstolzieren und sich erst in allerletzter Sekunde wenige Zentimeter zu
Seite bewegen, um nicht von unseren Reifen niedergewalzt zu werden.
Früher waren beide Inseln nahezu vollständig von dichtem Wald bedeckt. Es bestand ein verschlungenes Dickicht aus Moosen, Flechten und Baumfarnen, von denen manche über 10 Meter hoch aufragten. Durch die Brandrodung der Maori und durch die noch viel verheerenderen Einschnitte, die die Europäer unternahmen, ist das empfindliche Gleichgewicht Neuseelands seither sehr gestört. Die Einführung verschiedener Säugetiere sowie Pflanzen, bedroht die einheimische Flora und Fauna.
Zwischen 1837 und 1840 wurden zum Beispiel die ersten
Possums nach Neuseeland gebracht und dort ausgesetzt, um den
Grundstock für eine einheimische Pelzindustrie zu legen. Bis 1930 erlebte
die Verbreitung dieses nachtaktiven Beutetiers durch behördlich
genehmigte wie illegale Auswilderungen zusätzlich zur
neuseeländischen Zucht, ihren eigenen rasanten Anstieg. Schon seit den
50-er Jahren des 20. Jahrhunderts versucht man dieser Plage Herr zu werden -
jedoch ohne Erfolg. Mit mehr als 70 Millionen Tieren nimmt die Population der
Possums noch vor der der Schafen (50 Millionen) den ersten Rang ein.
Schätzungen zufolge verspeisen sie derzeit täglich 21 .000 Tonnen
pflanzlicher Nahrung täglich. Sie gefährden das Überleben des
einheimischen Waldes und des Tierbestands, der auf die Beeren und Pflanzen als
Nahrung angewiesen ist, ganz zu schweigen von den Eiern und Küken, die
sie vertilgen. Dem Straßenverkehr zum Opfer gefallene Possums werden
umgangssprachlich als "Road Pizza" bezeichnet. Immer wieder sehen wir diese
auf unserer Rundreise.
Neuseeland verteilt sich auf zwei tektonische Platten, der pazifischen und der australischen. Da sich diese Platten ständig verschieben und aneinander stoßen, gibt es in Neuseeland einige Vulkane, geothermale Gebiete und immer wieder Erdbeben.
Wir fahren am dritten Tag nach Rotorua und finden dort eines der dichtesten und zugänglichsten Geothermalgebiete der Welt. Dampfende Schwaden wabern über kochenden Schlammlöchern, die uns an Kartoffelbrei erinnern, der auf dem heißen Herd vergessen wurde. Verkrustete Mineralablagerungen verleihen den Rändern der Wasserbecken wunderbare Farben. Das Gebiet wurde zuerst von den Maori besiedelt, die die heißen Quellen zum Kochen und Baden benutzten. Die Vögel am Seeufer sind vom mühevollen Brüten befreit, weil die Erde selbst genügend Wärme spendet. Die Gräber auf den Friedhöfen müssen oberirdisch gebaut werden, weil das Graben im Boden wahrscheinlich eine weitere heiße Quelle zu Tage fördern würde. Die Hotels sind mit geothermisch erhitzten Bädern ausgestattet. Der Schwefelwasserstoff, der hier aus der Erdkruste tritt, verbreitet einen fürchterlichen Geruch nach faulen Eiern über der Stadt.
Waimangu
Eine Folge der Vulkanismus jüngerer Zeit ist die fünf Kilometer lange, gähnende Bergspalte des Mount Tarawera. 1886 wurde die Vulkankette nach einer verheerenden Nacht mit mehreren gewaltigen Ausbrüchen in zwei Hälften geteilt. Zeitgleich entstand bei diesem Ausbruch das Waimangu Thermal Valley. Dieses zirka 19 Kilometer südlich von Rotorua gelegene thermale Gebiet ist eines der jüngsten der Welt und auch das größte und vegetationsreichste Neuseelands.
Im Besucherzentrum am Eingang wird uns bestätigt, dass dieses Naturschutzgebiet weitgehend problemlos mit dem Rollstuhl besucht werden könne. Gleich zu Beginn ist der geschotterte Weg bereits so steil, dass Tim von hinten meinen Rollstuhl bremsen und Nico von vorne feste dagegenhalten muss. Hinter der ersten Kurve taucht der Smaragdteich auf. Er entstand beim Ausbruch von 1889 und ist ein Kaltwasserteich, der den Boden des südlichen Kraters bedeckt. Der See ist braun und teilweise unter Algen versteckt. Wir erfahren, dass er tatsächlich zu bestimmten Zeiten auch blau oder smaragdfarbig ist. Der Grund für dieses Farbenspiel liegt an den verschiedenen Pflanzen. Der See wird größtenteils durch Regenwasser gespeist. Sein Wasserspiegel entspricht dem Grundwasserspiegel der Umgebung. Seine Tiefe beträgt nur durchschnittlich zwei Meter.
Weiter windet sich der Weg durch ein von Büschen und
endemischen Pflanzen bewachsenes Tal, dessen Vegetation sich seit dem Ausbruch
von 1886 langsam regeneriert. Der Prozess wird regelmäßig von
kleineren Eruptionen unterbrochen, darunter ein Ausbruch, bei dem 1917 der
Kratersee Frying Pan Lake geschaffen wurde. Mit einem
Durchmesser von 100 Metern ist er der größte Heißwassersee
der Welt. Er hat eine durchschnittliche Tiefe von sechs Metern. Die mittlere
Temperatur beträgt ungefähr 55 Grad Celsius. Das Wasser ist sauer,
der pH-Wert ungefähr 3,5. Das Kohlendioxid und die
Schwefelwasserstoffgase erwecken den Eindruck, das Wasser würde kochen.
Auf der anderen Seite des Sees entdecken wir einen dampfenden Monolithen. Er wird die „Kathedrale“ genannt – seine spitzen Türmchen brachten ihm den Namen ein. Dieses massive Lavagebilde ist mindestens 60.000 Jahre alt und damit sehr viel älter als der Tarawera-Vulkan.
Herrliche Kristallwände am Wegesrand zeigen, dass unter günstigen Bedingungen in diesem Gebiet zusammen mit dem warmen Boden Schwefelkristalle und Sulfate entstehen können. Die Kristalle sind sehr zerbrechlich, einige sind durch Regen aufgelöst oder zerstört worden.
Der Bratpfannensee fließt über seinen Ausfluss mit einer Temperatur von zirka 50 Grad Celsius ab. Die Ablagerungen am Rand des Flusses beinhalten Spuren von Antimon, Molybdän, Arsen und Wolfram. Diese Mineralien ergeben zusammen mit der Blaugrünalge die spektakulären Farben wie orange, braun, grün und gelb, die man am Rand der heißen Quellen sieht.
Beeindruckende Mengen emporquellenden heißen Wassers sind
die Attraktion des Inferno Crater, der die Form eines auf den
Kopf gestellten Kegels hat und dessen taubenblaues Wasser zum Teil von
faszinierenden Dampfschwaden verdunkelt wird. Der Geysir selbst ist nicht zu
sehen, da er sich auf dem Grunde des Sees befindet. Der Wasserpegel steigt und
fällt streng nach einem 38-tägigen Zyklus: in den ersten 21 Tagen
füllt er sich bis zum Rand und hat dann eine Tiefe von etwa 30 Metern. In
den folgenden zwei Tagen fließt er über. Dabei beträgt die
Wassertemperatur bis zu 80 Grad Celsius. Das Wasser ist extrem sauer mit einem
pH-Wert von bis zu 2,1. In den restlichen 15 Tagen fällt der
Wasserspiegel wieder schrittweise bis auf acht Meter unter den Rand. Wir waren
wenige Tage nach dem maximalen Pegel dort.
Für den Rückweg zum Eingang des Parks wird ein Bus eingesetzt. Meine beiden Assistenten tragen mich im Rollstuhl bis neben den Fahrer, denn es wird zwischen den Sitzreihen zu eng. Die Türe geht nicht mehr zu und Nico steht auf der untersten Stufe am Einstieg. Macht nichts - mit offener Türe und Nico am Abgrund brausen wir zurück durch den Urwald.
Wir fahren weiter gen Süden. Zwei Kilometer nördlich
der Stadt Taupo toben die beeindruckenden Wasserfälle Huka Falls. Hier
zwängt sich der zu den wasserreichsten Flüssen Neuseelands
zählende Waikato River in einen engen Trichter, um sich
dann über eine 10 Meter hohe Bruchkante in einen chaotischen, wild
schäumenden Strudel zu ergießen. Die gewaltige Wucht der rund 400
Tonnen Wasser pro Sekunde sorgt für ein ohrenbetäubendes Tosen und
einen beeindruckenden Anblick.
Lake Taupo ist der größte See Neuseelands, liegt auf 360 Meter Höhe und bietet bei klarem Wetter eine fantastische Sicht auf die Vulkanlandschaft des Tongariri National Park, der zirka 30 Kilometer südlich liegt. Der geologische Säugling Lake Taupo erblickte erst vor rund 2000 Jahren das Licht der Welt, als ein großer Vulkan ausbrach und 24 km³ Felsen, Schutt und Asche in den Himmel spuckte - zehnmal so viel wie bei den Ausbrüchen von Krakatau und Mount St. Helens zusammen. Ein Großteil der Nordinsel wurde bei dem Vulkanausbruch mit einer bis zu 5 Meter dicken Bimssteinschicht bedeckt, und die Asche wurde 50 km hoch in die Atmosphäre geschleudert, so dass sie um die ganze Erde getragen wurde. Die Historiker sind in der Lage, das Jahr der Eruptionen mit 186 nach Christus genau zu bestimmen. Damals verdunkelte sich selbst in China der Himmel. Die Römer verzeichneten eine blutrote Färbung des Firmaments. Bei der Entleerung der unterirdischen Magma-Kammer stürzte die Erde ein und schuf einen riesigen steilwandigen Krater, der sich mit Wasser füllte und den heutigen Lake Taupo bildet. Ganze Strände bestehen aus federleichtem Eruptivgestein, das bei stärkerem Wind über den See getrieben wird.
Drei großartige Vulkane erheben sich krass in den
stahlblauen Himmel: der breitschultrige Skiberg Ruapehu (2797
Meter), sein kleinerer Bruder Tongariro (1968 Meter) und der
zwischen beiden eingekeilte, perfekt geformte Ngauruhoe (2287
Meter). Zusammen mit Nico unternehme ich einen Rundflug. Es bietet sich eine
atemberaubende Landschaft: halbtrockene Ebenen, kristallklare Seen und
Bäche, dampfende Fumarole, ursprünglicher Regenwald, Eis und Schnee.
Die Vegetation der weitläufigen Hochebene westlich der Vulkane besteht
aus Buschland und goldfarbenen Grasbüscheln, während sich im
Regenschatten der Berge an der Ostseite die Lavageröllwüste
ausbreitet, die von einer dicken Ascheschicht vom Vulkanausbruch 186 nach
Christus herrührt. Zunächst 1995 und dann noch einmal 1996 meldete
sich der höchste und massivste der drei Vulkane, Ruapehu, zu Wort, indem
er eine Asche- und Staubwolke zwölf Kilometer hoch in die Atmosphäre
ausstieß und dabei den Kratersee an seinem Fuß in Form gewaltiger
Schlamm- und Schuttströme entleerte, die als Lahare bezeichnet werden.
Zwar hatten die Eruptionen jeweils drastische Verkürzungen der Skisaison
zur Folge, verursachten aber sonst keinen dauerhaften Schaden. Die Bilder
gingen vor allem deshalb um die Welt, weil die schwarze Aschewolke einen
spektakulären Kontrast zu dem makellos weißen Schneegipfel bot.
Wir sind im Sommer am Fuße des Ruapehu und können uns angesichts der riesigen Lavabrocken nicht vorstellen, dass hier im Winter genügend Schnee zum Skifahrern vorhanden ist..
Mit einer Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h, die wir
allerdings aus Angst um die Zylinderköpfe nur einmal ausreizen, bringt
uns Fahrer Tim in unserem weißen Ungetüm nach Taumarunui. Von dort
brechen wir zu unserer nächsten Erlebnis-Tour auf, dem Stratford Heritage
Trail, auch Forgotten World Highway genannt. Dabei stellen wir schnell fest,
dass Highway für diese urtümliche, unebene, aber doch meistens
asphaltierte Landstraße ziemlich übertrieben ist. Sie windet sich
über 155 Kilometer durch die hügelige Landschaft, führt durch
Urwälder, Weideland, an landschaftlich schönen Naturschutzgebieten
vorbei. Immer wieder müssen wir anhalten, dem Toben, Zirpen, Pfeifen und
Kreischen zuhören, das uns von der Natur entgegenschlägt, und
herrliche Täler, riesige Baumfarne, eigenartig geformte Berge,
unzählige Schafe bewundern und fotografieren. Nach sechs Stunden
erreichen wir mit beinahe leerem Tank und einem Hörschaden die Stadt
Stratford am Fuße des nächsten Vulkans. Unser Koch Nico zaubert uns
wie fast jeden Abend in der Gemeinschaftsküche aus frischem Gemüse,
Salaten, Fischen und anderen Tieren (die nicht schnell genug weggelaufen sind)
ein leckeres Menü.
Am nächsten Morgen stellen wir fest, warum der eine Kühlschrank im Gegensatz zu allen anderen am Abend vorher so leer war. Nicht nur sind Milch und Jogurt tiefgefroren, mit den Tomaten könnte man auf Jagd gehen und die Bierflaschen sind geplatzt. Die Kühlschränke in Neuseeland können tatsächlich so aussehen wie Kühlschränke in Deutschland!
Die Region Taranaki ist auf der Landkarte als deutlicher Ausbruch
im Westen der Nordinsel auszumachen und bildet eine Halbinsel, in deren
Zentrum der Manuga Taranaki liegt, ein symmetrisch geformter Vulkankegel,
dessen schneebedeckter Gipfel in 2518 Metern Höhe über der
subtropischen Küste thront. Taranaki bedeutet pflanzenloser Gipfel, eine
recht passende Beschreibung für die obere Hälfte des Berges. Der
Vulkan brach ein letztes Mal 1755 aus. Häufig ist der Gipfel in Wolken
gehüllt. Einheimische pflegen zu sagen: „Wenn man den Berg sehen
kann, wird es wahrscheinlich regnen, und wenn man ihn nicht sehen kann, regnet
es schon.“ Wir hatten Glück: Wir sahen ihn und es regnete nicht!
Langsam ziehen wir weiter gen Süden und besuchen das
Nga Manu Nature Reserve in Waikanai. In einem großen,
nahezu durchweg barrierefreien Park beobachten wir in riesigen Käfigen
viele einheimische Vögel, so z. B. die Wood Pigeon, eine der
größten Taubenarten der Welt, und den auf der Nordinsel heimischen
Kaka. Auch der berühmte Kiwi wohnt in diesem Park, verbringt allerdings
unsere Besuchszeit wie den größten Teil seines Lebens (nämlich
20 Stunden pro Tag) schlafend. Der Tuatara - auch lebender
Dinosaurier genannt - ist ein Überlebender aus einer Reptiliengruppe, die
bereits vor 255 Millionen Jahren existierte. Man nimmt an, dass die Tiere bis
zu 120 Jahre alt werden können.
Der rollstuhlzugängliche "bush walk" führt uns in eine einzigartige, naturbelassene Buschlandschaft, wie sie einst überall in dieser Gegend vorherrschte. Über Holzstege und breite Pfade dringen wir in den Urwald ein, atmen die modrige, feuchte Luft und lauschen dem Konzert der Zikaden, bevor wir nach einem Kilometer in die Zivilisation zurückkehren.
Rugby ist eine der populärsten Sportarten in Neuseeland. Es
gibt über 500 Rugby-Vereine mit etwa 150.000 aktiven Spielern. Diese
Erfahrung machen wir bei dem Versuch, unsere nächste Unterkunft in der
Hauptstadt Wellington zu buchen. Wegen eines internationalen Rugby-Turniers
sind im Umkreis von ca. 100 Kilometern beinahe alle Gästebetten belegt.
Mit etwas Glück finden wir für eine Nacht ein Zimmer in der mit
400.000 Einwohnern recht übersichtlichen Stadt. Sie hat den Spitznamen
the windy city, denn die Cook Strait zwischen Nord- und Südinsel wirkt
wie ein riesiger Trichter, der den Wind bündelt. Wie meistens auf unserer
Reise haben wir kein sonst übliches Wetter und daher auch nur schwachen
Wind. In den lebhaften Fußgängerzonen treffen wir immer wieder auf
Rugby-Anhänger, die sich wie bei uns zu Fasching verkleiden und durch die
Straßen ziehen. Die Stadt liegt in einer großen Bucht und breitet
sich über mehrere Hügel ins Landesinnere aus. Daher sind auch nur
wenige Straßen eben. Meine beiden Helfer sind daher im stadtnahen
botanischen Garten wieder extremen körperliche Herausforderungen
ausgesetzt. Doch ihre Anstrengungen werden durch einen herrlichen Ausblick auf
die Stadt belohnt. Nicht typisch neuseeländisch, aber wunderschön
sind die Pflanzen, die wir in einem der Gewächshäuser bewundern.
Wir verlassen den südlichsten Punkt unserer Reise und
überqueren den Gebirgskamm mit einer berauschenden Geschwindigkeit von 35
km/h; schneller fährt unser großer weißer Japaner nicht. Uns
überholen sogar Lastwagen mit Anhängern, auf denen sich Hunderte von
Schafen tummeln. Von der kräftigen Sonne bereits geschmolzen spritzt der
Asphalt zur Seite. Straßenschäden werden entsprechend einfach
behoben: man nehme flüssigen Asphalt, leere ihn auf den defekten
Straßenabschnitt, gebe eine extra große Menge Split darüber,
stelle ein 30er Schild am Straßenrand auf - und fertig ist die
Reparatur!
Durch hügelige Weidelandschaften, im Hintergrund das
wolkenverhangene Gebirge, fahren wir gen Norden zur Hawke Bay. Vom
Aussichtspunkt Te Mata blicken wir über die Bucht und
sehen am Horizont die Stadt Napier. Sie ist mit circa 50.000
Einwohnern die größte Stadt von Hawke's Bay. Das Klima ist
mediterran und die Uferlage wunderschön. Das besondere an diesem Ort
jedoch ist die weltweit größte Ansammlung von kleinen
Art-deco-Häusern. Am Morgen des 3. Februar 1931 wurde die Stadt vom
schwersten Erdbeben in der überlieferten Geschichte Neuseelands
erschüttert (7,9 auf der Richterskala). In den nächsten zwei Wochen
folgten über 600 Nachbeben, die die Bemühungen behinderten,
Überlebende zu retten. 258 Menschen kamen um, 162 davon allein in Napier.
Das Zentrum der Stadt war völlig zerstört. Fast alle aus Backstein
errichteten Geschäfte und Büros lagen in Schutt und Asche. Die
flexibleren Holzgebäude überstanden zwar das erste Zittern, wurden
aber vom darauf folgenden Feuer vernichtet, das von einer starken Meeresbriese
angefacht wurde. Bei dem Erdbeben wurde der Boden stellenweise um zwei Meter
angehoben. Dadurch entstanden 30 Quadratkilometer Neuland - genug Platz, um
dort einen Flughafen zu bauen, neue Farmen zu gründen und die Stadt zu
erweitern. Wenn man landeinwärts blickt, kann man heute noch ein paar
Kilometer entfernt eine auf dem Trockenen sitzende Reihe von Meeresklippen
ausmachen.
All dies geschah mitten in einer großen Wirtschaftsflaute, doch die Stadt packte die Gelegenheit beim Schopfe, um neu anzufangen: Dem Geist der Zeit entsprechend wurde fast alles nach den Ideen der Art-deco-Bewegung gestaltet. Dieser simultane Wiederaufbau hat der Stadt eine seltene stilistische Einheitlichkeit verliehen - und neben Miami Beach - zu einer der weltgrößten Ansammlungen von Art-deco-Gebäuden gemacht. Die Vielfalt der Gebäude erscheint uns unendlich. Zickzack-Linien, Rosetten, stilisierte Blüten und Sonnen verzieren die Fassaden.
Beim Gang durch die Straßen entdecken wir in einem Schaufenster richtiges Brot! Vollkornbrot mit Sonnenblumenkernen und sogar Brezeln werden angeboten. Nach nahezu drei Wochen luftigem, gummiartig verformbarem Toastbrot freuen wir uns wie Schneekönige über diesen kulinarischen Hochgenuss!
Unsere Reise führt uns durch die Kleinstadt
Gisborne. Sie ist Neuseelands östlichste Stadt und sogar
diejenige auf der Welt, wo jeden Tag die Sonne zuerst aufgeht.
In Opotiki finden wir eine wunderschöne Unterkunft, 20 Meter vom pazifischen Sandstrand entfernt. Die Vulkaninsel White Island liegt etwa 50 Kilometer vor der Bay of Plenty und ist bei klarem Wetter gut zu sehen. Abends sitzen wir auf der Veranda, lauschen den brechenden Wellen und beobachten den funkelnden Sternenhimmel. Wir finden sogar das Kreuz des Südens, sind jedoch ganz enttäuscht, da es schräg am Himmel hängt. Wir sind uns ganz sicher, dass dies nicht nur Spätfolgen unseres Biergenusses sind.
In der westlichen Bay of Plenty dreht sich alles um die wohlhabende Hafenstadt Tauranga und ihren Vorort am Strand Mount Manuganui. Sie zählt derzeit zu den am schnellsten wachsenden Städten des Landes. Mount Manuganui am Fuße des gleichnamigen, erloschenen Vulkankegels, ist ein stark kommerzialisierter Badeort und locken uns mit seinem 20 Kilometer langen, goldgelben Strand.
Von Auckland aus gesehen auf der gegenüberliegenden Seite des Hauraki Gulf liegt die lange, zerklüftete Halbinsel Coromandel Peninsula mit ihren traumhaften Sandstränden, weißen Klippen und ihrem hervorragenden Klima. Die Halbinsel besticht durch eine großartige Küstenlandschaft, buschbewachsenes Hinterland und Einsamkeit. Vor allem an der Ostküste erstrecken sich ausgedehnte, weiße Sandstrände mit eindrucksvoller Brandung. Hier verbringen wir unser letztes Wochenende. Die Halbinsel scheint zahlreiche Hippies, Künstler und Aussteiger anzulocken. Man findet hier und da Leute (zumindest riechen wir es), die (illegal) Gras rauchen.
Etwa auf halber Strecke der Ostküste befindet sich der Hot Water Beach. Für den perfekten Badegenuss ist es wichtig, zum rechten Zeitpunkt einzutreffen - am besten eignet sich hierfür die Phase circa zwei Stunden vor beziehungsweise nach Ebbe. Dann kann man ein Loch in den Sand buddeln und sich im aufsteigenden heißen Wasser entspannen, während die Wellen des Meeres für Erfrischung sorgen. Wir sind sonntags da und der Strand ist recht voll. Aber Nico wagt sich in die pazifischen Wellen.
Zum Ausklang unserer dreiwöchigen Tour fahren wir nochmals
nach Westen an die tasmanische See. Am Waikato Beach
verabschiedet sich die einmalige Nordinsel Neuseelands mit einem
prächtigen Sonnenuntergang.
Mobility Motorhomes: Wohnmobilverleih
In der folgenden Karte ist unsere Fahrtroute in der Farbe pink markiert.