ABS-Logo: Aktive Behinderte in Stuttgart und Umgebung - Zentrum für selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen Stuttgart e.V.

Sein Leben selbst in die Hand nehmen

Die Situation behinderter Menschen in Stuttgart (Teil 3): Behinderte als Berater

"Nichts über uns ohne uns": So lautet das Motto des europäischen Jahres der Menschen mit Behinderung. Doch wie eigenständig und gleichberechtigt können Behinderte in Stuttgart leben? Dieser Frage gehen wir in einer Serie nach. Heute: der Kampf um mehr Selbstbestimmung.


Von Thomas Faltin, Stuttgarter Zeitung vom 05.06.2003


Noch besteht das ganze "Zentrum für selbstbestimmtes Leben" nur aus einem winzigen Raum, in den gerade zwei Schreibtische und ein paar Aktenordner hineinpassen - gnadenhalber hat der Stuttgarter Körperbehindertenverein dem Zentrum in seiner Schule in der Möhringer Landstraße 103a Obdach gewährt. Doch aus diesen bescheidenen Anfängen heraus wollen die sechs Initiatoren in Stuttgart einen Paradigmenwechsel schaffen: Künftig sollen behinderte Menschen ihre Geschicke stärker selbst in die Hand nehmen. In anderen Städten ist dieses Modell bereits erfolgreich - in Kassel zum Beispiel habe das Projekt 30 Angestellte, sagt Tilmann Kleinau vom Stuttgarter Zentrum.

Tatsächlich ist Selbstbestimmung eines der zentralen Themen des europäischen Jahres der Menschen mit Behinderung: Viele Behinderte wollen sich von den großen Verbänden, Kommunen und Landeswohlfahrtswerk nicht mehr so viel vorschreiben lassen. Sie erwarten vielmehr, dass sie wie nicht behinderte Menschen selbstständig wohnen, sich ungehindert in der Stadt bewegen, am gesellschaftlichen Leben teilhaben und vieles selber regeln können. Das ist eine "immense Aufgabe", wie Friedrich Müller vom Vorstand einräumt. Und deshalb hat sich das Zentrum den letzteren Punkt, die Selbsthilfe, jetzt als erstes Ziel auf die Fahnen geschrieben.

Die Grundidee: behinderte Menschen wissen am besten, was behinderte Menschen benötigen - wenn es zum Beispiel darum geht, welcher Rollstuhl für eine bestimmte Person geeignet ist, spricht jeder Sozialpädagoge aus reiner Theorie. Aus diesem Grund hat das Zentrum im Februar dieses Jahres eine Beratungsstelle eröffnet. Dort sind bislang zwei Berater präsent: die sehbehinderte Andrea Petersen und der Rollifahrer Johann Kreiter, der Reiseberatung für Behinderte anbietet; eine dritte Person wird noch gesucht. Damit ist bereits angedeutet, dass das Zentrum Ansprechpartner nicht nur für körperbehinderte, sondern für alle gehandicapten Personen werden will. Und im Übrigen auch für Städte und Unternehmen, die zum Beispiel bei neuen Bauten Fragen zur Barrierefreiheit haben. Um dieses Gebiet kümmert sich in Stuttgart auch der bundesweit einzigartige Dachverband für integratives Planen und Bauen sehr intensiv, der ebenfalls ein Selbsthilfeverein ist.

Umfassend und ganzheitlich - so soll die Beratung im Vaihinger Zentrum sein. Dazu gehören pragmatische Fragen zu Hilfsmitteln, Arbeit, Wohnungswechsel oder zu finanziellen und rechtlichen Problemen. Es geht aber auch um tiefere Schichten des Behindertseins: Die Berater wollen helfen, wenn die Behinderung nicht akzeptiert wird oder wenn medizinische oder partnerschaftliche Fragen auftauchen. Wichtig ist Friedrich Müller immer: Das Zentrum nimmt niemandem die Arbeit ab, sondern will ihn lediglich zur Selbsthilfe ermächtigen.

Zunächst aber müssen die Mitglieder des Zentrums selbst noch einige Probleme lösen. Vor allem hinter der Finanzierung steht weiter ein Fragezeichen, rund 200 000 Euro würden gebraucht, um zwei Berater auf Dauer anstellen und in ordentliche Räume umziehen zu können. Sozialbürgermeisterin Gabriele Müller-Trimbusch hat allerdings signalisiert, dass sie das Projekt befürwortet und bereit ist, durch Umschichtungen im städtischen Etat der Behindertenhilfe Geld freizumachen. Und wegen personeller Startschwierigkeiten konnten seit Februar erst 20 Beratungen durchgeführt werden, dennoch ist sich Tilmann Kleinau sicher: "Der Bedarf ist auf jeden Fall da, nur ist unter den Behinderten noch nicht genug bekannt, dass wir hier ein Gegengewicht zu den Beratungsstellen der freien Träger geschaffen haben."

Das Zentrum für selbstbestimmtes Leben und der Dachverband für integratives Bauen sind zwei der wenigen Selbsthilfegruppen, die sich in Stuttgart etabliert haben. Im Bereich chronisch kranker Menschen ist das anders, dort sind Selbsthilfegruppen selbstverständlich. Allerdings sind viele Verbände, wie die Lebenshilfe, vor Jahrzehnten als Initiative betroffener Eltern entstanden, haben sich seither aber institutionalisiert und den Charakter freier Träger angenommen. Ihre Verdienste sind unbestritten. Dennoch wollen Menschen wie Johann Kreiter und Friedrich Müller sich jetzt neu auf den Weg machen und selbst aktiv werden: Denn der Kampf um eine größtmögliche Selbstbestimmung ist noch lange nicht gewonnen.

Das Zentrum für selbstbestimmtes Leben ist erreichbar unter Telefon 7 80 18 58 oder im Internet unter http://aktive-behinderte.de/. Der Dachverband Integratives Planen und Bauen hat die Telefonnummer 42 91 68.

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© ABS Stand: 2007-02-25
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